Blutsgemeinschaft und Blutbund. 243
hat", dass die Teilung des Opfers und die Application des Blutes auf beideParteien zusammen vor sich geht. Das Opfer wurde vermutlich in zwei Teilezerlegt (wie Exod. 24 das Blut in zwei Teile geteilt wird), als noch beideParteien das Opfer gemeinschaftlich assen; als dies nicht mehr geschah,standen die ein Bündnis schliessenden Parteien zwischen den beiderseitigenStücken als ein Symbol, dass sie an dem mystischen Leben des Opfers Anteilhatten. Diese Deutung findet ihre Bestätigung durch den Brauch bei west-lichen Völkern, die denselben Ritus bei Hunden und anderen aussergewöhn-lichen Opfern als Sühnungs- oder Reinigungsceremonie übten 536 .
Der Zweck des von Herodot III, 8 beschriebenen Brauches ist die Auf-nahme eines einzelnen Fremden in die Gemeinschaft mit dem einzelnen Mit-gliede eines arabischen Stammes und seiner Sippschaft 537 . Das Bündnis be-steht ursprünglich zwischen zwei Individuen; die von einem einzelnen Stam-mesgenossen eingegangene Verpflichtung ist indes für alle seine „Freunde",d. h. für die übrigen Mitglieder der Sippschaft, bindend. Der Grund, weshalbdies Bündnis in solcher Weise bindend ist, liegt darin, dass der, welcher dasBlut eines Stammesgenossen getrunken hat, fortan kein Fremder, sondern einBruder ist und an der mystischen Gemeinschaft derer teil hat, die an dem-selben Blute, das dem ganzen Stamme gemeinsam ist, Anteil haben. Ur-sprünglich ist das Bündnis auch keine besondere Verpflichtung zu diesem oderjenem besondern Zwecke, sondern ein Band der Treue und der Lebensgemein-schaft für alle Angelegenheiten, in denen Stammesgenossen einander dauerndverpflichtet sind. Damit ist natürlich gegeben, dass der Abschluss des Bünd-nisses eine religiöse wie eine sociale Seite hat; denn eine Stammesgemeinschaftkann nicht ohne Gemeinschaft des Cultus bestehen, und über die Heilighal-tung des Bruderbundes wacht die Stammesgottheit, die mit Eifer die Heilig-keit verwandten Blutes schützt. Dieser Gedanke kommt symbolisch darinzum Ausdruck, dass das Blut beider Teile, die damit eines werden, auf denheiligen Stein gestrichen wird, was soviel zu bedeuten hat, dass der Gott alsdritter am Blutgenuss beteiligt und ein Glied des Bruderbundes ist 53S . Esist klar, dass in alter Zeit die auf diese Weise am Bündnis beteiligte Gott-heit der verwandte Stammesgott gewesen sein muss, bei dem der Fremde Zu-gang fand. Aber bereits zur Zeit Herodots war die alte Stammesreligion inerheblichem Masse in Auflösung begriffen. Alle an der ägyptischen Grenze sitzen-den Araber, welches Stammes sie auch sein mochten, verehrten dasselbe Götter-paar, Orotal und Alilat (Al-Lät); diese Gottheiten wurden auch beim Abschlusseines Bündnisses angerufen. Wenn also die beiden sich verbündenden Par-teien Araber von verschiedenem Stamme, aber der gleichen Religion waren,so konnte keine die Empfindung haben, dass sie das Bündnis in den Cultuseines neuen Gottes einführe, und die Bedeutung der Ceremonie wurde einfach die,
536) Bo ohart, Hierozoicon II, cap. 33. 56.
537) Der Brauch muss auch zwischen einem Araber und seinem „Landsmann"(äazöf) zur Anwendung gekommen sein, worunter ein anderer Araber zu verstehen ist,der aber einem andern Stamme angehört. Denn wenn ein besonderer Vertrag zwischenzwei Stammesgenossen gemeint wäre, so würde die Einführung bei den „Freunden"keinen Sinn haben, die der durch das Bündnis begründeten Verpflichtung beitreten.
538) Damit ist das Blutbündnis der Mosquito-Indianer zu vergleichen, durch dasmit der Tierart, die der einzelne zu seinen Beschützern erwählt, eine Verbindung ge-schaffen wird. s. B an er oft, I, 740 f. (Frazer, Totemism, p. 55).
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