Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
240
Einzelbild herunterladen
 

240 Neuntes Kapitel. Die sacramentale Wirkung des Tieropfers.

stets an den Anteil am Fleisch eines sacrosancten Opfers gebunden gewesenzu sein, und das Mysterium seines Todes findet seine Rechtfertigung inder Erwägung, dass nur auf diese Weise das heilige Bindemittel gewonnenwerden kann, durch das ein Band lebendiger Einheit zwischen den Verehrernund ihrem Gotte geschaffen oder in voller Kraft erhalten werden kann. DiesesBindemittel besteht allein in dem Leben des heiligen und verwandten Tieres,das in seinem Fleisch, besonders aber in seinem Blute, seinen Sitz hat, dassich allen wirklich mitteilt, die als Teilnehmer ein Stück desselben ihremeignen Einzelleben einverleiben.

Die Anschauung, dass der Mensch durch das Essen des Fleisches, insbe-sondere durch das Trinken des Blutes eines andern lebenden Wesens die Naturoder das Leben desselben in sich aufnimmt, ist unter primitiven Völkern inverschiedenen Formen lebendig. Sie liegt dem weit verbreiteten Gebrauch,das frische Blut der erschlagenen Feinde zu trinken, zu Grunde einem Brauche,der gewissen arabischen Stämmen vor Muhammad eigen war und der in derUeberlieferung noch dem wilden Volke der Kahtän zugeschrieben wird 519 . Ebensospricht sich diese Anschauung in dem von vielen barbarischen Jägervölkernbeobachteten Brauche aus, ein Stück (z. B. die Leber) von einem gefährlichenRaubtier zu essen, damit sie selbst von dem Mute des Tieres erfüllt würden.In einigen Gebieten der Erde, wo die Menschen das Vorrecht haben, sich an-statt des Totemtieres des Stammes oder neben diesem ein besonderes heiligesTier zu wählen, finden wir den Brauch, dass der Vertrag zwischen dem Men-schen und der betreffenden Tierart, die er von nun an als heilig zu betrachtenhat, dadurch besiegelt wird, dass ein Tier dieser Art geschlachtet und ge-gessen wird, während es ihm von dieser Zeit ab als Nahrung versagt ist B2 °.

Die bekannteste Anwendung findet aber die Idee in dem Ritus der Blut-brüderschaft, von dem sich Beispiele über die ganze Erde verbreitet finden 521 .Bei der einfachsten Form dieses Brauches werden zwei Menschen Brüder, in-dem sie ihre Adern öffnen und einer des andern Blut saugt. Diese Form desBlutbündnisses ist noch im Libanon B22 und in einigen Gebieten Arabiens be-kannt 523 . In der altarabischen Litteratur finden sich manche Aeusserungen,

519) Vergl. Kinship, p. 284. [Bei den alten Arabern ist thatsächlich Kanni-balismus vorgekommen. Wenn in der späteren Poesie zuweilen ein Dichter den Wunschausspricht, das Blut seiner Feinde zu trinken, so ist das zwar ein bildlicher Ausdruck.Aber Ammi anu s, XXXI, 16 berichtet einen wirklichen Fall; Procopius, Bell. Pers.

I, 19 spricht nur von menschenfressenden Saracenen in entlegenen Teilen, wie die Araber

des Higäz entfernte Stämme beschuldigen, das Blut ihrer Feinde zu trinken. Ueberden Kannibalismus, der den Kahtän nachgesagt wird, s. Doughty, Arabia cleserta,

II, 40.] Die zuverlässigeren Berichte (Doughty, II, 41) scheinen das Trinken von Menschen-blut bei den Kahtän auf das Blut beim Bündnisabschluss zu beschränken.

520) Frazer, Totemism, p. 54, hat Belege für das Töten von Tieren, ohne dasssie gegessen werden, beigebracht. Zu vergleichen ist dazu C r u i c k s h a n k, Gold Coast(1853), p. 133 f.

521) Die Beweise dafür sind gesammelt von Trumball, The Blood Covenant(New-York, 1885). Für die Araber vergl. Kinship, pp. 44 ff. 261; Wellhausen,Heidentum, p. 120 [2. Aufl. p. 128]; Goldziher, Literaturbl. für oriental. Piniol. 1886,p. 24. Muham. Studien, p. 67. Im folgenden gebe ich keine Beispiele für Dinge, diein den genannten Werken eingehend dargestellt sind.

522) s. Trumball, The Blood Covenant. p. 5 f.

523) Doughty, Arabia Deserta II, 41. Das Gewicht des Zeugnisses ist von derRichtigkeit der Angabe, dass die Kahtän noch den Brauch üben, gänzlich unabhängig;die Tradition eines solchen Ritus besteht jedenfalls noch. Vergl. auch Trumball, p. 9.