236 Achtes Kapitel. Die ursprüngliche Bedeutung des Tieropfers.
Sündenfall nicht der wesentlichste Zug, auch nicht ein solcher, auf den derErzähler besonderen Nachdruck legt oder dem er irgend eine besondere Be-deutung beizulegen scheint. Aber gerade aus diesem Grunde ist anzunehmen,dass dieser Zug in der Erzählung ursprünglich ist, und dass er, wie die ent-sprechende griechische Sage, nicht nach Gesichtspunkten, die der alttestament-lichen Offenbarung eigentümlich sind, sondern durch Erwägungen allgemeinererArt erklärt werden muss. In der Erzählung vom Garten Eden finden sich andereZüge — besonders der Baum des Lebens —, die zeigen, dass die ursprüng-liche Grundlage der Erzählung aus dem gemeinsamen Bestände der nordsemi-tischen Volkssage stammt. Und dass in dieser gemeinsamen Sage die Vorstel-lung eines ursprünglichen Vegetarianismus lag, findet durch Philo von Byb-lus 511 eine Bestätigung, dessen Bericht über den primitiven Menschen, dernur von Früchten des Feldes lebte und diesen göttliche Verehrung erwies,eine zu eigenartige Gestalt hat, als dass er auf blosser Entlehnung aus derbiblischen oder griechischen Litteratur beruhen könnte.
Phönicische Opfer.
Es ist in hohem Masse unwahrscheinlich, dass die Sage von einem gol-denen Zeitalter, in dem ursprünglich nur Früchte gegessen wurden, in einemanderen Ideenkreise entstanden sein sollte, als demjenigen, auf den die Aus-bildung einer ganz ähnlichen Sage in Griechenland zurückgeht. Die Griechenzogen den Schluss, dass der primitive Mensch kein Fleisch von Haustierenass, weil ihr Opferritual die Tötung eines Opfertieres als eine Art Mord be-trachtete, der nur unter besonderen Verhältnissen gerechtfertigt war und wenner von besonderen Massnahmen begleitet war, denen ein bestimmter historischerUrsprung zugeschrieben wurde. Ebenso geht die kyprisch-phönicische Sage, diePorphyrius aus Asklepiades anführt 512 , um zu beweisen, dass die alten Phö-nicier kein Fleisch assen, auf die Idee zurück, dass der Tod eines Opfertiersursprünglich ein Ersatz für ein Menschenopfer war, und dass der erste Mensch,der Fleisch zu gemessen wagte, mit dem Tode bestraft wurde. Die Einzel-heiten der Erzählung sind freilich kindisch und können nicht als Bestandteileeiner alten Ueb er lieferung angesehen werden; aber der Hauptgedanke scheintnicht blosse Erfindung zu sein. Wir sahen bereits, dass die Phönicier dasFleisch der Kuh ebensowenig gegessen hätten wie Menschenfleisch; es kanndemnach nicht zweifelhaft sein, dass dem Rinde überhaupt ein solcher Gradder Heiligkeit zukam, wie dem Opfer eines Stieres ganz der Charakter ver-liehen wurde, der unserer Theorie entspricht. Wenn Asklepiades behauptet,dass jedes Tieropfer ursprünglich als Ersatz für ein Menschenopfer galt, sofindet dies in bedeutsamer Weise eine Bestätigung durch den Bericht des Elo-histen über die Entstehung des Brandopfers in Gen. 22, wo an Stelle desIsaak ein Widder als Opfer angenommen wird. Diese Erzählung zeigt nochin einem anderen Punkte eine beachtenswerte Uebereinstimmung mit der phö-nicischen Religion. Abraham sagt, dass Gott selbst für ein Opfer sorgen
VII, 209 „bovem primus occidit"] betrachtet wird. [Ebenso ist der indische FeuergottAgni zugleich der Stifter des Opfers.]
511) Euseb., Praepar. Evangel. I, 106 (— Fragm. Histor. Graec. III, 565).
512) Porphyrius, De abstinentia IV, 15.