Die semitischen Sagen vom goldenen Zeitalter. 235
Die semitischen Sagen vom goldenen Zeitalter.
Die gleiche Verbindung von Vorstellungen tritt uns in der hebräischen undphönicischen Ueberlieferung von der ursprünglichen Enthaltung vom Fleischund vom Ursprung des Opfers entgegen. Jedoch müssen hier die Zeugnissemit einiger Vorsicht behandelt werden. Die phönicischen Ueberlieferungensind uns durch späte Autoren überkommen, die aufs stärkste verdächtig sind,mit den Legenden, die sie mitteilen, willkürliche Veränderungen vorgenommenzu haben; und die hebräischen Berichte in der Genesis haben, obgleich sieunfraglich auf alter Volkssage beruhen, unter dem Einüuss einer höheren reli-giösen Anschauung Umgestaltungen erfahren und sind von solchen Bestand-teilen gereinigt worden, die mit dem Monotheismus des alten Testaments sicht-lich unvereinbar waren. Hinsichtlich der hebräischen Berichte muss ein Un-terschied zwischen der älteren jahwistischen Erzählung und der nachexilischenDarstellung des priesterlichen Geschichtsschreibers gemacht werden. In demälteren Bericht lebt der Mensch, ebenso wie in der griechischen Sage vomgoldenen Zeitalter, in seinem Urzustände der Unschuld in Frieden mit allenTieren (cf. Jes. 11, 6 f.), indem er sich von den wild wachsenden Früchten derErde ernährt; nach dem Fall aber war er verurteilt, sein Brot durch die müh-same Arbeit des Ackerbaus zu erwerben. Gleichzeitig begann sein Kampfgegen schädliche Tiere (die Schlange Gen. 3, 15), man fing an, die Haustiereals Opfer zu schlachten und ihre Felle zur Kleidung zu benutzen 508 . In derpriesterlichen Erzählung wird die Herrschaft des Menschen über die Tiereund anscheinend auch das Ackerbau treibende Leben, in dem Tiere dem Men-schen bei der Arbeit des Feldbaus dienen, bei der Schöpfung angeordnet 609 .Dieser Erzählung ist der Garten Eden und der Sündenfall, abgesehen vonder wachsenden Verderbnis vor der Flut, unbekannt. Nach der Flut erhaltendie Menschen das Recht, Tiere zu schlachten und zu essen, wenn dabei ihrBlut auf den Erdboden ausgegossen wird (Gen. 9, 1 f.); das Opfer aber be-ginnt erst mit der Gesetzgebung Moses. Da nun bis zur Zeit des Deu-teronomium das Opfern und das Schlachten, wenn es sich um Haustiere handelte,niemals getrennt war, so kann diese Gestalt der Erzählung nicht alt sein;sie beruht auf dem nachdeuteronomischen Opfergesetz, besonders auf Lev. 17,10 ff. Die ursprüngliche, hebräische Ueberlieferung ist die der jahwistischenErzählung, die mit der griechischen Sage darin übereinstimmt, dass sie dieOpferung von Haustieren mit dem Herausfallen aus dem Stande der ursprüng-lichen Unschuld verbindet 510 . Dies ist natürlich in der biblischen Erzählung vom
508) Gen. 2, 16 ff. 3, 15, 21. 4, 4. Ich möchte mit Budde, Bibi. Urgeschichte,p. 83, annehmen, dass in 2, 15 die "Worte „ihn zu bebauen und zu bewachen" von einerspäteren Hand herrühren; sie stimmen mit Gen. 1, 26 ff. (P.), aber nicht mit 3, 17 (J.)überein.
509) Gen. 1, 28. 29, wo der Gebrauch des Getreides wie der Baumfrüchte einbe-griffen ist.
510) Die griechische Sage bei Hesiod, "Werke und Tage, stimmt mit der jah-wistischen Erzählung darin überein, dass sie den Fall auch dem Vergehen des "Weibeszuschreibt. Dieser Zug erscheint jedoch nicht in allen Gestalten der griechischen Sage;die Entfremdung zwischen Göttern und Menschen wird bisweilen auf Prometheus zu-rückgeführt (Hesiod, Theogon. 521 ff., vergl. Preller-Robert, Gr. Mythol. I, 94f.), derauch als Erfinder des Feuers (rcupxoog) und Stifter des Opfers [s. Plinius, Hist. nat.