232 Achtes Kapitel. Die ursprüngliche Bedeutung des Tieropfers.
von aller Fleischnahrung erreicht werden könne, war in Aegypten das Er-gebnis der politischen Verschmelzung einer Anzahl localer Culte zu einerNationalreligion, an deren Spitze ein nationales Priestertum stand, in demsich die Ideen einer einheitlichen Herrschaft darstellten. In Griechenland wiein den meisten semitischen Ländern 400 trat eine derartige Entwickelung nichtein; dem entsprechend finden wir hier auch keine ausgebildete Lehre einerpriesterlichen Askese in betreff der Lebensweise 497 .
Bei den Griechen und Semiten muss also die Vorstellung vom goldenenZeitalter und der Zug, dass die Lebensweise des Menschen in diesem Zeitaltereine vegetarische war, volkstümlichen und nicht priesterlichen Ursprungs sein.Die Anschauung, dass die alten Zeiten besser waren als die Gegenwart, dassdie Erde fruchtbarer war, dass die Menschen frömmer waren, und dass ihrLeben weniger von Mühsal und Krankheit erfüllt war, bedarf keiner beson-deren Erklärung; sie ergiebt sich naturgemäss aus den Gesetzen des psychischenLebens, die ebenso für die Erinnerung der Nationen wie der Individuen gelten.Unter diese allgemeine, psychologische Erklärung fällt jedoch nicht der be-sondere Zug eines ursprünglichen Vegetarianismus als eines charakteristischenMerkmals der guten, alten Zeiten. Diese Anschauung kann nur zu einerZeit entstanden sein, als das Gefühl eines religiösen Bedenkens gegen dasSchlachten und den Fleischgenuss noch wirksam war. Doch kann sich diesesBedenken nicht auf alles Fleisch, z. B. auf Wild, erstreckt haben; es musssich vielmehr auf die Arten von Fleisch bezogen haben, die auf der Acker-bau treibenden Culturstufe der Gesellschaft gewöhnlich gegessen wurden, indie der Ursprung der Sage vom goldenen Zeitalter unzweifelhaft gehört.Unter dem Fleisch ist in dieser Sage mithin das Fleisch der Haustiere zuverstehen, und die Sage drückt das Gefühl der Achtung vor dem Leben dieserTiere aus sowie die Vorstellung, dass das Schlachten derselben zur Ernährungeine Neuerung war, die mit der alten Frömmigkeit nicht in Einklang stand.
Wenn wir die Ueberlieferung in ihren einzelnen Zügen überschauen,wie sie spätere Schriftsteller mitteilen, um die Lehre von einem ursprünglichenVegetarianismus zu begründen, so sehen wir, dass in der That nichts weiterals das oben Gesagte in ihnen enthalten ist. Die allgemeine Behauptung,dass die ältesten Menschen vor allem Tierleben Achtung hatten, ist eine blosseVermutung; vielmehr bezeugt die Volksüberlieferung und das alte Ritualin gleicher Weise, dass das Leben des Schweins und des Schafes 498 , vor allemaber des Rindes 490 seit alters als heilig galt, dass es ausser für religiöse Zwecke
496) Eine Ausnahme davon bildet vielleicht Babylonien.
497) Ueber die Annahme, dass dies bei den Essenern der Fall war, siehe Lucius,Der Essenisnius in seinem Verhältnis zum Judentum. 1881 und Schürer, Geschichtedes jüdischen Volkes, 3. Aufl. II, 569. Die Therapeuten, entweder jüdische oder christlicheMönche , erscheinen in Aegypten und waren höchstwahrscheinlich ägyptische Christen.Die spätere Entwickelung des semitischen Asketentums stand, wie sich mit fast völligerSicherheit sagen lässt, unter fremden Einwirkungen, an denen der Buddhismus einenstärkeren und älteren Anteil zu haben scheint, als man gewöhnlich zugestanden hat.Im altsemitischen Brauch, wie bei den modernen Juden und Muhammedanern, bedeutetdas religiöse Fasten die Enthaltung von aller Nahrung, nicht nur vom Fleischgenuss.
498) P o r p h y r i u s, De abstinentia II, 9.
499) Porphyrius, De abstin. II, 10, 29 f. Plato, Leges, VI, p. 782. Pau-s a n i a s, VIII, 2. 1 ff. vergl. mit I, 28. 10: blutlose Opfer zur Zeit des Kekrops, Opfereines Stieres zur Zeit des Erechtheus.