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Die Religion der Semiten
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Die Heiligkeit des Viehs. 231

Bei den ägyptischen Priestern ermöglichen nns die Thatsachen, die Por-phyrius in seiner Schrift De abstinentia IV, 6 ff. auf Grund der Autorität desChaeremon mitteilt 403 , den Zusammenhang zwischen der von den Priesterngeforderten Enthaltsamkeit und den ursprünglichen Anschauungen und Bräuchender Masse des Volks genau darzuthun.

Seit alten Zeiten war jedem Aegypter, je nach dem Gau, in dem erlebte, der Genuss einer besonderen Art von Fleisch untersagt, nämlich dasFleisch der besonderen Tierart, die vom Gau als heilig verehrt wurde. DiePriester bildeten diese Bestimmung weiter aus, indem sie in der That zurEntwickelung einer Nationalreligion beitrugen, die die Culte der verschiedenenGaue in einem religiösen System zusaimnenfasste. Aber nur einige von ihnengingen so weit, überhaupt kein Fleisch zu essen, während sich andere, dieim Dienst besonderer Culte standen, in der Regel nur gewisser Fleischartenenthielten, obwohl sie verpflichtet waren, eine streng vegetarische Lebensweiseinne zu halten, solange sie persönlich cultische Dienste zu verrichten hatten.Es liegt indes auf der Hand, dass sich die grosse Anzahl localer Bestim-mungen nicht in einer allgemeinen Lehre von dem höheren religiösen Wertdes Vegetarianismus zusammenfassen konnte, wenn die Liste der Tiere, die indem einen oder anderen Gebiete des Landes heilig waren, nicht diejenigenHaustiere einschloss, die in einem hochcultivierten Lande wie Aegypten stetsdie Hauptquelle der Fleischnahrung bilden mussten. Das war aber in Aegyptender Fall; und in der That standen die grössten Gottheiten, die in den weitestenKreisen zur Anerkennung gelangt waren, zu Haustieren in Beziehung. Dieägyptische Cultur beweist damit ihre Verwandtschaft mit den primitiven Bräuchenund Anschauungen der nomadischen Völker Afrikas überhaupt. Der StiergottApis, dessen Incarnation in einem wirklichen Stier zu Memphis man annahm,und die Kuhgöttin Hathor (Isis), die entweder in Gestalt einer Kuh darge-stellt wurde oder wenigstens Kuhhörner trug, verknüpfen die vorherrschendenCulte Aegyptens unmittelbar mit der Heiligkeit, die den Rindern von roherenVölkern Ostafrikas beigelegt wird, bei denen der Ochse das wichtigste Haus-tier ist. Es kann deshalb nicht überraschen, dass den Aegyptern der Genussvon Kuhfleisch noch in späteren Zeiten ebenso verabscheuungswert erschien,wie der Kannibalismus. Kühe wurden niemals geopfert; und obgleich Stiereauf dem Altar dargebracht und ein Teil des Fleisches bei einem Opfer-mahl gegessen wurde, so war das Opfer doch nur als ein Sühnemittel zulässig,und es ging ihm ein feierliches Fasten vorauf, und eine öffentliche Klage wiebeim Tode eines Volksgenossen begleitete es 494 . In gleicher Weise beklagtendie Verehrer bei dem dem Widdergott Amon in Theben alljährlich dargebrachtenOpfer den Tod des Opfertiers, womit sie das Verwandtschaftsverhältnis zwischensich und dem Opfer zum Ausdruck brachten. Die Verwandtschaft oder Iden-tität desselben mit der Gottheit wurde andererseits in zwiefacher Weise aus-gedrückt ; das Bild des Amon wurde nämlich in das Fell des Opfertiersgehüllt, während der Körper in einem heiligen Sarge begraben wurde 495 .

Die Lehre, dass der höchste Grad der Heiligkeit nur durch Enthaltung

493) Verg 1. Bernays, Theophrastos 1 Schrift Ueber Frömmigkeit (Breslau, 1866),p. 21.

494) Herod. II, 39 f.

495) Herod. II, 42.