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Die Religion der Semiten
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230 Achtes Kapitel. Die ursprüngliche Bedeutung des Tieropfers.

schlachtet und an einem heiligen Feuer gehraten wird. Wildbret essen siejedoch mit Vorliebe 490 . Bei einem Begräbnis werden ein oder zwei Büffelgeschlachtet ial : ,, Wenn ein solches Tier getötet ist, sammeln sich Männer,Weiber und Kinder rings um dessen Kopf und streicheln und küssen seinGesicht, sodann sitzen sie paarweise . . ., um ihren Wehklagen freien Lauf zulassen." Diese Opfer werden nicht gegessen, sondern auf dem Erdboden liegengelassen.

Diese Beispiele dürften hinlänglich darthun, dass die Vorstellung vonheiligen Tieren unter barbarischen Hirtenvölkern weit verbreitet ist. DieThatsachen im semitischen Bereich und die aus ihnen gezogenen Schlüsseentsprechen dem genau. Wenden wir uns jetzt der Frage zu, inwieweit derNachweis erbracht werden kann, dass ähnliche Vorstellungen auch unter denhöher entwickelten Kassen der antiken Welt geherrscht haben. In diesemZusammenhange ist vor allem zu beachten, dass unter allen diesen Nationendie Anschauung weit verbreitet war, dass die Gewohnheit, Tiere zu schlachten,ein Abfall von den Gesetzen einer ursprünglichen Frömmigkeit war. Ausserin gewissen asketischen priesterlichen oder philosophischen Kreisen kamdiese Ansicht praktisch nicht zur Geltung; die Menschen assen unbedenklichFleisch, wenn sie es haben konnten. Aber in ihren Sagen vom goldenenZeitalter" wurde erzählt, wie in den frühesten und glücklichsten Tagen desMenschengeschlechtes, als die Menschen mit den Göttern und der Natur nochin friedlicher Eintracht lebten, und als die harte Mühsal der täglichen Arbeitnoch nicht begonnen hatte, tierische Nahrung unbekannt war, und wie diefreigebige Erde durch ihren natürlichen Ertrag dem Menschen alles gewährte,dessen er bedurfte. Das ist natürlich kein zutreffendes Bild der menschlichenUrzustände; denn schon aus anatomischen Gründen steht fest, dass unsereältesten Vorfahren Fleischesser waren, und es ist eine durch die Beobachtunggesicherte Thatsache, dass primitive Völker den Genuss tierischer Nahrungim allgemeinen nicht verabscheuen, wenn auch gewisse Arten von Fleischauf Grund religiöser Anschauungen verboten waren. Andererseits aber kann dieVorstellung vomGoldenen Zeitalter" nicht eine rein abstracte Speculationohne jede in der Ueberlieferung gegebene Grundlage sein. Die Sage, in diesie sich eingekleidet hat, ist ein Bestandteil der alten Volkssage der Grie-chen 492 ; und die praktische Anwendung der Idee in Form einer Vorschrift,sich des Fleischgenusses zu enthalten, als ein Gesetz der Vollkommenheit odereultischen Heiligkeit, wurde nicht zuerst durch die Speculation neuerungs-süchtiger Philosophen gewonnen, sondern in priesterlichen Kreisen z. B. inAegypten und Indien erfunden, deren Lehre gänzlich auf Tradition beruht,oder sie wurde in solchen philosophischen Schulen wie der der Pythagoräerentwickelt, deren Gedanken alle durch eine weitgehende Verehrung für altenBrauch und Glauben bestimmt waren.

490) Mars hall, a. a. 0-, p. 81. Das Opfer wird nur von Männern gegessen.Ebenso dürfen bei den Zulu gewisse heilige Teile des Ochsen nicht von Weibern ge-gessen werden. Im hebräischen Gesetz ist die Pflicht der Beteiligung am Cultus aufdie Männer beschränkt, obgleich die Weiber nicht ausgeschlossen sind. Bei den Todasessen Männer und Frauen gewöhnlich gesondert, wie es auch in Sparta geschah. Diespartanische schwarze Blutsuppe kann mit dem Tieropfer der Todas verglichen werden.

491) Mars hall, a. a. 0., p. 176.

492) H e s i o d, Werke und Tage, v. 109 ff.; vergl. Preller-Robert, Griech.Mythologie, I, p. 87 ff.