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Die Religion der Semiten
Seite
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Die Heiligkeit des Viehs. 229

Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, wie allgemein das Ver-halten gegenüber den Haustieren, das Agatharchides beschreibt, unter denHirtenvölkern Afrikas verbreitet ist. Eine besondere Form der Anschauung,dass das Leben des Viehs heilig ist, die uns in Afrika wie bei den Semitenentgegentritt, verdient indes noch Erwähnung. Herodot berichtet uns 487 ,dass die Lihjanier zwar das Fleisch des Ochsen assen, jedoch niemals dasFleisch einer Kuh gemessen würden. In dem Vorstellungskreis, von dem wirganz Afrika beherrscht sehen, muss diese Unterscheidung einerseits in Zu-sammenhang damit stehen, dass die Verwandtschaft vorwiegend durch dasWeib bestimmt wird, womit notwendig der Kuh eine grössere Heiligkeit bei-gelegt wird als dem Stier, andererseits mit der Thatsache, dass die Kuh demMenschen durch ihre Milch Nahrung gewährt. Das gleiche Gesetz herrschtein Aegypten, wo die Kuh der Hathor-Isis heilig war, und ebenso bei denPhöniciern. Beide Völker assen und opferten Stiere; sie würden aber ebensoleicht Menschenflcisch gegessen haben wie das der Kuh* 88 .

Dieses Zeugnis ist für unsere Untersuchung um so bedeutsamer, als dieUeberzeugung, dass zwischen den Semiten und den afrikanischen Völkernirgendwie eine engere ethnographische Beziehung besteht, seitens der Forscherimmer mehr Zustimmung findet. Aber die Anschauungen, die ich darzulegensuchte, sind nicht das Eigentum einer einzelnen Rasse. Inwieweit die alteHeiligkeit des Viehs, besonders der Kuh, bei den Iraniern Analogien in denEinzelheiten aufweist, ist eine Frage, deren Lösung ich den gelehrten Kennerndieser sehr schwierigen Litteratur überlassen muss. Es scheint wenigstensallgemein anerkannt zu sein, dass darin keine Neuerung der Religion Zara-thustras vorliegt, sondern dass es eine den Iraniern mit den ihnen nahe ver-wandten Indern gemeinsame Anschauung ist, sodass die Wurzeln der religiösenEhrfurcht, die der Kuh erwiesen wurde, in dem primitiven nomadischen Lebender indogermanischen Rasse zu suchen sind. Um aber darzuthun, dass genaudie gleichen Vorstellungen, wie wir sie in Afrika gefunden haben, auch beiHirtenvölkern von ganz verschiedener Rasse vorhanden sind, will ich hier nurauf die Todas in Südindien verweisen. Bei ihnen ist das Haustier, der Milch-s}3ender und die hauptsächlichste Quelle des Lebensunterhaltes, der Büffel.Der Büffel wird mit grosser Freundlichkeit, sogar in gewissem Grade mitreligiöser Ehrfurcht behandelt", imd bestimmte Kühe, die in ununterbrochenerReihe von einem heiligen Vorfahren in alter Zeit abstammen, werden mitalten Kuhglocken behängt und als Gottheiten angerufen 480 . Auchhat manallen Grund, die Angaben der Todas für richtig zu halten, dass sie niemalsdas Fleisch eines weiblichen Büffel gegessen haben". Das Fleisch eines männ-lichen Tieres essen sie nur einmal im Jahre, wobei die erwachsenen Männerdes Orts sich zu der Ceremonie der Schlachtimg und zum Verzehren einesjungen, männlichen Kalbes vereinigen, das mit besonderen Gebräuchen ge-

487) H e r o d. IV, 186.

488) Porphyrius, De abstin. II, 11 für beide Völker. Für die Aegypter vergl.H e r o d. II, 41. Der phönicische Brauch kann kaum auf ägyptischen Einfluss zurück-geführt werden ; denn eine Bevorzugung des männlichen Opfers findet sich bei den Se-miten allgemein, auch dort, wo die Gottheit eine Göttin ist. Vergl. dazu Chwolsohn,Die Ssabier II, 77 ff., eine Ergänzung zu der Angabe im Filmst, dass die Harranier nurmännliche Tiere opferten.

489) Mars hall, Travels aniong the Todas (1873), p. 130.