228 Achtes Kapitel. Die ursprüngliche Bedeutung des Tieropfers.
den war, nach der Regenzeit, lebten sie von Milch, die mit Blut gemischtwar, das offenbar (wie in Arabien) von lebenden Tieren genommen wurde;in der Zeit der Dürre nahmen sie ihre Zuflucht zum Fleisch alter oder schwa-cher Tiere. Die Schlächter aber galten als unrein. Ferner „legten sie denNamen 'Eltern' nicht einem menschlichen Wesen bei, sondern nur demStier und der Kuh, dem Widder und dem Mutterschaf, von denen sie ihrenLebensunterhalt gewannen" 477 . Hier finden wir alle Züge, die unsere Theoriefordert: die Tiere sind heilige und verwandte Wesen, denn sie sind die Quelledes menschlichen Lebens und Unterhalts. Sie werden nur in Zeiten der Notgeschlachtet, und die Schlächter sind unrein, worin liegt, dass das Schlachteneine von der Religion verbotene That war.
Aehnliche Bräuche finden sich bei allen Hirtenvölkern Afrikas und be-stehen mehr oder weniger umgestaltet oder abgeschwächt bis in unsere Zeit 478 .Die gewöhnliche Nahrung dieser Völker besteht in Milch oder Wild 479 ; Viehwird zum Lebensunterhalt selten geschlachtet und nur bei aussergewöhnlichenGelegenheiten, wie bei einer Kriegserklärung, der Beschneidung eines Knabenoder bei einer Hochzeit 480 , oder um ein Fell zur Bekleidimg zu erlangen,oder wenn das Tier eine Verstümmelung erlitten hat oder alt ist 481 .
In solchen Fällen ist das Mahl öffentlich, wie bei den Beduinen des Ni-lus 482 ; alle Blutsverwandten und auch alle Nachbarn haben das Recht, daranteilzunehmen. Die Herde und ihre Glieder sind aber auch Gegenstand liebevollerund persönlicher Rücksichtnahme 483 und sind durch religiöse Bedenken undTabus geschützt. Bei den Kaffern ist die Viehhürde heilig; Weiber dürfensie nicht betreten 484 , und sie zu verunreinigen ist ein schweres Verbrechen 486 .Die Anschauung endlich, dass Haustiere die Eltern der Menschen sind, diewir bei Agatharchides finden, lebt in dem Mythus der Zulu, dass Menschen,besonders grosse Häuptlinge, „von einer Kuh ausgespieen wurden" 486 .
477) Das erinnert an die besondere Form eines Bündnisses bei den Gallas, beidem ein Schaf als Mutter der Parteien eingeführt wird. L o b o in Pinkerton's Collection;Afriea, I, 8.
478) Die Zeugnisse für die Heiligkeit des Viehs bei barbarischen Völkern derGegenwart verdanke ich Frazer.
479) S a 11 u s t, Jugurtha, 89 (für die Numidier); A1 b e r t i, De Kaffers (Amsterdam,1810), p. 37; Lichtenstein, Reisen, I, 144. Aus einer Fülle von Beweisen teile ichdiese mit, weü sie aus den von einander am weitesten entfernten Gebieten des Erdteilsgenommen sind.
480) So bei den Kaffern, s. Fleming, Southern Africa, p. 260; Lichtenstein,a. a. 0. 1,442. Die Dinkas schlachten kaum Vieh, ausser bei Begräbnisfeiern. Stanley,Darkest Africa, I, 424.
481) Alb erti, a. a. 0. p. 163 (für die Kaffern); vergl. Gen. 3, 21. Herod. IV, 189.Die Bekleidung mit dem Fell des Opfertieres, die Herodot erwähnt, hat eine religiöseBedeutung, die uns später näher beschäftigen wird.
482) So bei den Zulus und den Kaffern (A1 b e r t i, a. a. O.).
483) Für die Viehzucht treibenden Völker in Ostafrika vergl. besonders M u n-zinger, Ostafrikan. Studien (2. Aufl. 1883), p. 547: „Der Nomade schätzt seine Kuhüber alles und weint bei ihrem Tode wie beim Tod eines Kindes". „Sie haben eineunglaubliche Anhänglichkeit an die Art von Vieh, die sie vom Vater und Grossvaterererbt haben...." Es ist das eine ähnliche Spur von dem Gefühl der Verwandtschaftzwischen der Herde und dem Stamme wie bei Agatharchides. Vergl. Schwein-furth, Im Herzen Afrikas, 3. Aufl. (1878), I, 59; vergl. IL Sam. 12, 3.
484) Fleming, a. a. 0. p. 214.
485) Lichtenstein, I, 479, der bemerkt, dass die Strafe nicht als strenge er-scheint, wenn wir bedenken, wie heilig ihnen ihr Vieh ist.
486) Lang, Myth. Ritual, I, 179.