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Die Religion der Semiten
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Die Heiligkeit des Viehs. 227

Pferde der Sonne in die See gestürzt wurden i7i , bisweilen wird es auch als einmystisches Sacrament gegessen 475 . Diese Berührungspunkte mit der primi-tivsten religiösen Anschauung können nicht zufällig sein. Sie zeigen, dassdie mystischen Opfer, wie sie Julian erwähnt, die Opfer von Tieren, die ge-wöhnlich nicht gegessen werden, nicht die Erfindung späterer Zeiten sind,sondern dass sie mit grosser Genauigkeit die Züge eines Opfercultus der ent-legensten Vergangenheit festgehalten haben.

Für eine oberflächliche Betrachtung scheinen die gewöhnlichen Opfer vonHaustieren, wie sie allgemein zum Lebensunterhalt verwendet wurden, aufeinem ganz anderen Standpunkt zu stehen. Wir sind indes auf dem Wegeeiner ganz unabhängigen Erwägung, die sich auf die Thatsache gründete, dassjedes Opfer ursprünglich ein Akt des Stammes war, zu der Vermutung ge-führt worden, dass sie auch ihrem Ursprung nach seltene und feierliche Dar-bringungen von Opfertieren waren, deren Leben für gewöhnlich als heilig galt,weil sie ebenso, wie die unreinen heiligen Tiere, vom Stamme ihrer Verehrerund ihres Gottes waren.

Die Heiligkeit des Viehs.

In der That wird den Haustieren genau die gleiche Achtung und Ver-ehrung bei manchen Viehzucht treibenden Völkern in verschiedenen Gebietender Welt erwiesen. Sie werden einerseits als Freunde und Stammesgenossender Menschen angesehen, andererseits als heilige Wesen, die ihrer Natur nachden Göttern verwandt sind. Sie zu schlachten, ist nur unter besonderen Ver-hältnissen zulässig, und in solchen Fällen diente das Schlachten niemals dazu,ein Privatmahl zu beschaffen, sondern giebt notwendig den Anlass zu einemöffentlichen Mahle, wenn nicht zu einem öffentlichen Opfer. Agatharchides m ,der die nomadischen Troglodyten in Ost-Afrika, ein primitives Hirtenvolk aufder Culturstufe der Polyandrie, beschreibt, erzählt uns, dass sie ihren ganzenLebensunterhalt von ihren Herden gewannen. Wenn reichlich Weide vorhan-

474) B an er oft, III, 168; Frazer, Totemism, p. 48.

475) Der Beweis dafür setzt sich aus vereinzelten Zeugnissen zusammen, die imallgemeinen alles sind, was wir über solche Dinge haben. Für Amerika haben wir denentscheidendsten Beweis aus Mexiko, wo die Götter, wiewohl sie ihrem Ursprünge nachsicher Totems sind, menschliche Gestalt angenommen haben, und wo das Opfer, das alseine Darstellung des Gottes betrachtet wurde, ein Menschenopfer war. Zu anderen Zeitenwurden aus Teig gemachte Abbilder des Gottes als Sacrament gegessen. Dass aberauch die roheren Amerikaner dem Essen des Totem eine sacramentale Bedeutung bei-legen, ergiebt sich aus dem, was von dem Bären-Stamm der Watawak-Indianer erzähltwird, die, wenn sie einen Bären getötet haben, ihm von seinem eignen Fleisch einMahl bereiten und ihn bitten, es nicht übel zu nehmen, dass er getötet worden sei;s. Lettres edif. et cur. VI, 171:Tu as l'esprit, tu vois que nos enfants souffrent lafaim, ils t'aiment, ils veulent te faire entrer dans leur corps, n'est il pas glorieux d'etremange par les enfans de Captaine"?

Das Bärenmahl der Ainos in Japan ist ein Opfermahl vom Fleisch des Bären, derals göttlich verehrt und mit vielen Entschuldigungen unter dem Vorwande der Not-wendigkeit getötet wird (s. Scheube in den Mitth. d. Deutsch. Gesellsch. S. u. S.0. Asiens, No. 22, p. 44 f.).

Das Essen des Totemtiers als Heilmittel gehört in denselben Vorstellungskreis.F r a z e r, Totemismus, p. 23.

476) Die Auszüge des Photi us und D io dor sind gesammelt in Fragmenta Histor.Graec. I, 153. Der erstere hat einige Punkte, die der andere ausgelassen hat. Vergl.auch Artemidorus bei Strabo, XVI, 4, 17.

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