Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
226
Einzelbild herunterladen
 

226 Achtes Kapitel. Die ursprüngliche Bedeutung des Tieropfers.

In betreff des Genusses des Wildeselfleisclies bei den Arabern habe ichin der arabischen Litteratur keinen Beleg dafür gefunden, dass es in der Zeitvor Muhammad irgend eine religiöse Bedeutung hatte; indes erwähnt Kazwlni,dass sein Fleisch und seine Hufe starke Zaubermittel lieferten, und dies ist ge-wöhnlich ein Ueberrest von der Verwendung zum Opfer 46Q .

Man hat angenommen, dass der goldene" Set, den die semitischen Hyksosim Delta verehrten, ein Sonnengott war 470 . Wenn das der Fall ist, so mögendie Pferde der Sonne an die Stelle der älteren Heiligkeit des Esels getretensein; denn der Esel ist in den semitischen Gebieten weit älter als das Pferd.

9. Die Wachtel

Ein Wachtelopfer zur Erinnerung an die Auferstehung des Herakles wirdbei den Phöniciern von Eudoxus (bei Athenaeus IX, 47) erwähnt. Aber dieswar ein jährliches Fest zu Tyrus im Monat Peritius (FebruarMärz), d. h.gerade zu der Zeit, wo die Wachtel nach Palästina zurückkehrt, wobei un-geheure Scharen in einer einzigen Nacht erscheinen 471 . Ein jährliches Opferderart, das mit dem Mythus vom Tode des Gottes verknüpft ist, kann kaumetwas anderes als das mystische Opfer eines heiligen Tieres sein. Es ist zubeachten, dass den Alten das Fleisch der Wachtel als eine gefährliche Speisegilt, die Schwindel und Starrkrampf hervorruft, während andrerseits eine ausdem Gehirn bereitete Salbe ein Heilmittel gegen Epilepsie ist 472 . Lagarde

hat vorgeschlagen, das arabische jUULWachtel" zu dem Gott Esmun-Jo-laos in Beziehung zu setzen 473 , der den Herakles wieder zum Leben erweckte,meiern er ihm eine Wachtel gab, um daran zu riechen. Wenn dies richtigist, so ist der Gottesname von dem des Vogels abzuleiten, nicht umgekehrt.

Das Zeugnis dieser Beispiele ist unzweideutig. Wenn ein unreines Tiergeopfert wird, so ist es auch ein heiliges Tier. Wenn die Gottheit, der esgeweiht wird, genannt ist, so ist es die Gottheit, die gewöhnlich die Heilig-keit des Opfers beschützt, und in einigen Fällen machen die Verehrer, sei esin Worten oder in einer symbolischen Maskierung, ihre Verwandtschaft mitdem Opfertier und dem Gotte geltend. Ferner ist das Opfer gewöhnlich aufbestimmte feierliche Anlässe beschränkt; in der Regel fand es nur jährlichstatt und hatte so den Charakter einer öffentlichen eultischen Feier. In eini-gen Fällen hatten die Verehrer an dem heiligen Fleische Anteil, das zu an-derer Zeit zu berühren ruchlos gewesen wäre. Alle diese Züge sind genaudie gleichen, wie wir sie bei totemistischen Völkern wiederfinden. Bei ihnenist gleichfalls das heilige Tier zu essen verboten, es ist mit dem Menschen,der seine Heiligkeit anerkennt, und, falls ein Gott vorhanden ist, mit dem Gotteverwandt. Und endlich wird das Totem bisweilen an jährlichen Festen unterbesonderen, feierlichen eultischen Bräuchen geopfert. In solchen Fällen kanndas Fleisch verbrannt werden, oder es wird in einen Strom geworfen, wie die

469) Ueber die Beziehungen des Esels zur Religion im klassischen Altertum undüber den Gebrauch des Eselskopfes als Zaubermittel s. Compte-rendu de la Comni. Imper.Archeol. (St. Petersburg) 1863, und Berichte der sächs. Gesellsch. der Wissensch., 1854, p. 48.

470) Ed. M e y e r, Gesch. des Altertums, I, p. 135

471) Josephus, Antiq. VIII, 5, 3. Vergl. Tristram, Fauna, p. 124.

472) Bo chart, Hierozoicon, II, lib. 1, cap. 15.

473) Griech. Uebersetzung der Proverbien, p. 81.