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Die Religion der Semiten
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Das Stammesopfer. 213

gemeinsam ass, und sicher ist, dass in diesem Falle das Mahl keinen religiösenCharakter als Anerkennung und Besiegelung der Verwandtschaft und des Zu-sammenhanges mit dem Stammesgotte hatte. In der That wurde das Fa-milienmahl unter den Semiten im allgemeinen zu einem fest bestehendenBrauche. In Aegypten essen bis auf den heutigen Tag manche Leute kaumjemals gemeinschaftlich mit Weibern und Kindern 427a . Bei den Arabern wagenKnaben, die noch nicht volljährig sind, durchaus nicht in Gegenwart ihrerEltern zu essen, sondern nehmen ihre Mahlzeiten abgesondert oder mit denWeibern, des Hauses ein 428 . Unfraglich hat die Ausschliessung der Frauendie Entwickelung des Familienlebens in den muhammedanischen Gebieten ge-hemmt ; obwohl sich für die meisten Zwecke des praktischen Lebens diese Ab-sonderung im Wüstenleben niemals zu behaupten vermocht hat, wird doch inNordarabien kein Weib in Gegenwart von Männern essen 428a . Ich vermute,dass sich diese Bräuche zu einer Zeit ausgebildet haben, als ein Mann und seinWeib, sowie die übrigen Familienglieder in der Regel nicht gleichen Stammeswaren, und als nur Stammesgenossen gemeinsam assen 42 °. Doch mag das sein,wie es will, es besteht die Thatsache, dass das tägliche Familienmahl in Arabienniemals die religiöse Bedeutung erlangt hat, wie das römische Mahl 430 .

Das Opfermahl kann somit nicht auf das häusliche Mahl zurückgeführtwerden, sondern muss vor allem als ein öffentliches Mahl der Stammesgenossenaufgefasst werden. Dass dies nicht nur für Arabien, sondern für die Semitenim Ganzen zutrifft, kann aus allgemeinen Gründen gefolgert werden, sofernaller semitischer Cultus einen gemeinsamen Ursprung hat, und dieser Schlussfindet seine Bestätigung in der Beobachtung, dass sich auch unter den Ackerbautreibenden Semiten keine Spur davon findet, dass das gewöhnliche Mahl derHausgenossenschaft cultischen Charakter hatte. Der häusliche Herdwar bei den Semiten niemals ein Altar wie in Born' 131 .

Fast alle Lebensmittel des Menschen wurden den Göttern als Opfer dar-gebracht, und jede Art Speise genügte, um nach dem arabischen Gastrechtein Band zwischen zwei Leuten zu schaffen, das in letzter Hinsicht auf demGrundsatz beruhte, dass nur Stammesgenossen mit einander essen. Eskönnte demnach den Anschein haben, dass jedes Mahl, an dem eine Schar

427a) L a n e, Modern Egyptians, 5. Aufl. I, 179. Vergl. Arabian Nights, Cap. II,Anm. 17.

428) Burckhardt, Bed. and Wahabys, I, 355; Doughty, II, 142.

428a) Burckhardt, Bed. and Wahabys I, 349. Umgekehrt berichtet Ibn M u-

gäwir (s. Sprenger, Postrouten, p. 151) von Südarabern, die eher sterben würden, alsSpeise aus der Hand eines Weibes nehmen.

429) Auch in historischer Zeit wurde in Arabien das Weib nicht in den Stammihres Mannes aufgenommen. Die Kinder wurden in historischer Zeit allgemein zumStamme des Vaters gerechnet. Aber es sprechen viele Gründe für die Annahme, dassdies neue Gesetz der Verwandtschaft, als es zuerst auftrat, nicht bedeuten sollte, dassdas Kind im Stamme des Vaters geboren war, sondern dass es in diesen durch einenformellen Akt aufgenommen wurde, der nicht stets in der Kindheit stattfand. Wirfinden, dass junge Kinder der Mutter folgen (Kinship, p. 114), und dass das Gesetz derBlutrache Väter nicht hinderte, ihre jungen Töchter zu töten (Kinship p. 277 ff.).

430) Die Nennung Gottes, durch die nach Muhammads Vorschrift jedes Mahl ge-weiht wird, scheint in alter Zeit nur angewandt worden zu sein, wenn ein Opfer ge-schlachtet war; Wellhausen, Heidentum, p. 114. Das arab. tahlil entspricht derSegnung des Opfers, I. Sam. 9, 13.

431) Das Passah wurde nach dem Exil eine Art Familienopfer, war es aber nichtursprünglich. S. Wellhausen, Prolegomena, Cap. UI.