210 Achtes Kapitel. Die ursprüngliche Bedeutung des Tieropfers.
von Fleisch, Blut und Gebeinen bezeichnet, so ist es natürlich, dass sie alsbedingt gedacht wird, nicht allein durch d e n Umstand, dass der Mensch ver-möge seiner Geburt von seiner Mutter ein Teil von ihrem Fleisch ist, sondernauch durch die nicht minder wichtige Thatsache, dass er durch ihre Milchernährt ist. Und so finden wir, dass es unter den Arabern, wie ein Band desBlutes, so auch ein durch Muttermilch begründetes Band giebt, das die Pflege-lrinder mit ihrer Pflegemutter und deren Stamm verbindet. Nachdem so-dann das Kind entwöhnt ist, wird sein Fleisch und Blut auch weiterhin ernährtund erneuert durch die Nahrung, an der es mit seinen Tischgenossen AnteilTiat, sodass die Tischgenossenschaft in ganz realem Sinne als die Verwandt-schaft festigend oder selbst begründend gedacht werden kann <122 .
Das Stammesopfer.
Hinsichtlich ihrer Beziehung zur Lehre vom Opfer wird es uns zur Klarheitverhelfen, wenn wir diese beiden Gesichtspunkte gesondert behandeln. DerBereich der gemeinsamen Religion und der gemeinsamen socialen Pflichtenwar ursprünglich mit der natürlichen Verwandtschaft identisch * 23 ; der Gottselbst galt als ein Wesen des gleichen Stammes wie seine Anhänger. Es wardemgemäss natürlich, dass die Stammesgenossen und der Stammesgott ihreGemeinschaft dadurch besiegelten und festigten, dass sie von Zeit zu Zeit zu-sammenkamen, um ihr gemeinsames Leben durch ein gemeinsames Mahl zuerhalten, zu dem kein Stanunesfremder Zutritt hatte. Ein treffendes Beispielfür diese Form des Stammesopfers, zu dem sich die ganze Stammesgemein-schaft periodisch vereinigte, ist in den Sacra gentüicia der Römer gegeben.Wie in der primitiven Gesellschaft niemand zu mehr als zu einem Stamme ge-hören konnte, so konnte auch bei den Römern niemand an den sacra zweiergentes teilnehmen; andernfalls hätte er damit das cultische Ritual gestört unddie Reinheit der gens befleckt. Die Sacra bestanden in gemeinsamen jährlichenOpfern, mit denen die Stammesgenossen den Gott ihres Stammes und sodanndie Manen ihrer Vorfahren ehrten, so dass sich der ganze Stamm — Lebendewie Gestorbene — im Cultus vereinte iM . Dass auch bei den Semiten dieältesten Opferfeste ihrem Wesen nach den sacra gentilicia glichen, ist mehreine erschlossene als eine direkt beweisbare Thatsache, aber sie steht deswegennicht weniger fest. Denn dass die Semiten kerne Ausnahme von dem allge-meinen Gesetz bilden, dass der Bereich der Religion und der der Verwandtschaftursprünglich identisch waren, ist bereits im zweiten Kapitel nachgewiesenworden. Das einzige, wofür ein Beweis beizubringen ist, ist demnach,dass das Ritual des Opfers unter den Semiten bereits auf den ursprüng-lichen Stufen ihrer Gemeinschaft vorhanden war. Dass dies der Fall war,ist aus allgemeinen Gründen völlig sicher; denn eine Institution wie dasOpfermahl, die uns überall in der Welt mit den gleichen allgemeinen Merk-malen entgegentritt und sich bei den primitivsten Völkern findet, muss derNatur der Sache nach in die ältesten Stufen der socialen Organisation zurück-
422) s. K i n s h i p, p. 149 fr'.
423) S. oben S. 36.
424) Beweise und die weiteren Einzelheiten sind zusammengestellt bei Marquardt,Eöm. Staatsverwaltung, 2. Ausg. III, 130 f.