Der ethische Gehalt des Opfercultus. 205
das Volk seinen Gott mit sich. Wenn die religiösen Gemeinschaften im Alter-tum Stämme oder Nationen waren, so ist dadurch ausgedrückt, dass die antikeReligion auf die zwischen den Stämmen und Völkern bestehenden Beziehungenkeinen sittlichen Einfluss ausübte; in diesen Angelegenheiten ging der Gottmit dem eignen Volke oder dem eignen Stamme zusammen. So lange wirden Stamm oder die Nation mit gemeinsamer Religion als ein einziges Sub-jekt auffassen, beschränkt sich der Einfluss der Religion auf die Kräftigungdes nationalen Selbstvertrauens, das bei dem unaufhörlichen Kampfe zwischenden alten Gemeinwesen eine sehr wichtige Eigenschaft war; darüber hinausaber reicht ihr sittlicher Wert nicht.
Ganz anders ist jedoch die Sachlage, wenn wir in der religiösen Gemein-schaft die Zusammenfassung einer Menge von Individuen sehen, deren jedessowohl persönliche wie öffentliche Wünsche und Absichten hat. In dieserHinsicht kommt vor allem der regulierende Einfluss der alten Religion zurGeltung; denn die Güter, welche die Religion bietet, sind dem Einzelnen nurinsoweit zugesagt, als er im Zusammenhang mit der Gemeinschaft und fürsie lebt. Die Vorstellung vom höchsten Gute der Menschen, die in dem ge-meinschaftlichen Akt des Opfercultus ihren Ausdruck findet, ist das Glückdes Einzelnen in dem glücklichen Zustande der Gesamtheit. Somit ist dieganze Kraft der alten Religion, soweit der Einzelne für sie in Betracht kommt,darauf gerichtet, die bürgerlichen Tugenden der Treue und Hingebunggegenüber dem Nächsten in der Kraft ihrer zuversichtlichen Begeisterungaufrecht zu erhalten, ihn zu lehren, sein höchstes Gut in dem glücklichenBestehen der Gemeinschaft zu sehen, deren Glied er ist, wobei es ihm nichtzweifelhaft sein kann, dass er dabei die göttliche Macht auf seiner Seite hat,und dass er sein Leben einer Sache gewidmet hat, die nicht missraten kann.Diese Hingabe an das Wohl der Gemeinschaft war, wie allbekannt ist, derUrsprung der antiken Sittlichkeit, die Quelle all der heroischen Tugenden,von denen die Geschichte des Altertums zahlreiche berühmte Beispiele auf-weist. Im antiken Gemeinwesen fiel mithin das religiöse Ideal, das in derAusübung des gemeinschaftlichen Cultus zum Ausdruck kam, und das ethischeIdeal, das die Haltung des täglichen Lebens bestimmte, gänzlich zusammen;und alle Sittlichkeit — wie sie damals aufgefasst wurde — erhielt durchreligiöse Begründung und Sanction ihre Weihe und ihre Kraft.
Diese Bemerkungen sind indes im vollen Sinne nur auf die typischeForm der Religion anwendbar, solange sie noch in strengem Sinne Stammes-oder Volksreligion war. Als Nationalität und Religion sich von einanderloszulösen begannen, nahmen gewisse Culte mehr oder weniger kosmopolitischeFormen an. Auch im Heidentum sind auf den höher entwickelten Stufendesselben die Götter — oder wenigstens bestimmte Götter — in gewissemGrade die Beschützer einer allgemein gültigen Sittlichkeit, nicht nur des aufdie Gemeinschaft beschränkten sittlichen Verhaltens. Was aber an Ausdeh-nung in die Weite gewonnen wurde, ging an Tiefe und Kraft des religiösenEmpfindens verloren, und der Fortschritt zum sittlichen Universalismus, dermit schwachen und unsicheren Schritten unternommen ward, vermochte fürden Verfall der alten, heroischen Tugenden keinen Ersatz zu bieten, die indem engeren Kreis des nationalen Glaubens ihre Wurzeln hatten.