204 Siebentes Kapitel. Die Erstlinge der Früchte, der Zehnte etc.
Altertums sehen, dass sich alle regelmässigen cultischen Functionen im Opfer-mahl zusammenfassen, und dass die regelmässige Beziehung zwischen Götternund Menschen keine andere Form als diese hat, so müssen wir uns erinnern,dass die Handlung des gemeinsamen Essens und Trinkens der feierliche undfeststehende Ausdruck für die Thatsache ist, dass alle, die am Mahle teil-nehmen, Brüder sind, und dass die Anerkennung der Pflichten der Freundschaftund des Bruderverhältnisses in ihrer gemeinsamen Handlung zum Ausdruckkommt. Indem der Gott den Menschen zu seiner Tafel zulässt, gewährt erihm Zutritt zu seiner Freundschaft. Diese Gnade erstreckt sich aber nicht sosehr auf den Menschen als einzelnen; er wird als ein Glied der Gemeinschaftzugelassen, um zugleich mit seinen Genossen zu essen und zu trinken, undin dem gleichen Masse, wie die cultische Handlung das Band zwischen ihmund seinem Gotte anknüpft, verbindet es ihn auch mit denen, die im gemein-samen Glauben seine Brüder sind.
Damit haben wir in unserer Untersuchung einen Punkt erreicht, von demaus es möglich ist, ein allgemeines Urteil über den ethischen Wert der Religionzu gewinnen, die wir hier dargestellt haben. Der Einfluss der Religion aufdas Leben ist ein doppelter. Er liegt zum Teil in ihrer Verknüpfung mitbestimmten Vorschriften der Lebensführung, denen sie eine übernatürlicheSanction verleiht, hauptsächlich aber in ihrem Einfluss auf die allgemeineHaltung und Stimmung des menschlichen Geistes, den sie mit höherem Mutbeseelt und über die rohe Gebundenheit an die natürlichen Bedingungen desAugenblicks erhebt, indem sie die Menschen lehrt, dass ihr Leben und ihreGlückseligkeit nicht ein Spiel der blinden Naturmächte sind, sondern dass einehöhere Macht über sie wacht und Fürsorge für sie übt. Diese Einwirkungist als ein Ausgangspunkt für das praktische Handeln wirkungsvoller als dieFurcht vor übernatürlichen Bestimmungen; denn sie treibt zur Bethätigungan, während diese nur die regelnden Bestimmungen giebt. Um jedoch auf dasLeben einen sittlichen Einfluss ausüben zu können, müssen beide zusammenwirken.Die Handlungen des Menschen können nicht nur auf die Empfindung gestütztsein, dass ihm die göttliche Hülfe gewährt ist, sondern müssen auch durchdie Ueberzeugung geregelt sein, dass ihm diese Hülfe nur so lange zurSeite stehen wird, als er auf dem rechten Wege ist. Wie auch bei den Semitenhervortritt, erstreckte sich in der antiken Religion das feste Vertrauenauf die göttliche Hülfe nicht auf jeden einzelnen und seine persönlichenBeziehungen, sondern auf die Gemeinschaft in ihren öffentlichen Betä-tigungen und Zielen. Diese Ueberzeugung ist es, die in den öffentlichenAkten des Cultus ihren Ausdruck findet, wobei alle Glieder der Gemeinschaftam Tische ihres Gottes gemeinschaftlich essen und trinken und so dasGefühl erneuern, dass Er und sie eine Einheit bilden. Wenn wir die ganzeGemeinschaft der Verehrer als eine absolute Einheit auffassen, wenn wirsie personifiziert denken und als einziges Lidividuum betrachten, so ist klar,dass die Wirkung dieser Religionsform lediglich in ihrer treibenden Kraft,nicht aber in ihrer regulierenden Bedeutung zu suchen ist. Wenn die Ge-meinschaft mit sich selbst und ihrem Gott in Einklang steht, so kann siegegenüber denen, die ausserhalb ihres Kreises stehen, ohne religiöse Rück-sicht nach Belieben verfahren. Ihre Freunde sind auch die Freunde des Gottes,ihre Feinde gleichfalls Feinde des Gottes; bei allen Unternehmungen führt