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Die Religion der Semiten
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Das sociale Element in der Religion. 203

heit mit dem unbedingten Vertrauen nahen, das für die antiken Religionencharakteristisch ist. Die Gemeinschaft, und nicht der Einzelne, waren derdauernden und unfehlbaren Hülfe ihres Gottes gewiss. Die antike Religionlehrte eine nationale, aber nicht eine persönliche Vorsehung. Und zwar wardies in so hohem Masse der Fall, dass die Menschen des Altertums in reinpersönlichen Angelegenheiten sehr geneigt waren, sich nicht der anerkanntenReligion der Familie oder des Staates, sondern abergläubischen Bräuchen derZauberei zuzuwenden. Die Götter wachten über das bürgerliche Leben desMenschen, sie gaben ihm seinen Anteil an den allgemeinen Gütern, an denjährlichen Gaben der Ernte und der Weinlese, sie gaben der Nation Zeitendes Friedens oder Sieg über die Feinde; aber ihre Hülfe war nicht sicher injeder Not des persönlichen Lebens. Vor allem aber würden sie niemandemihren Beistand in Angelegenheiten verleihen, die den Interessen des Gemein-wesens im ganzen zuwider liefen. Es gab also einen weiten Kreis von Be-dürfnissen oder Wünschen, die sich geltend machten, ohne dass die Religionihnen entsprechen konnte oder wollte. Wenn man in solchen AngelegenheitenHülfe suchen wollte, so war sie nur durch magische Bräuche zu gewinnen,die den Zweck hatten, die Gunst dämonischer Mächte zu erkaufen oder zuerzwingen, zu denen die öffentliche Religion keine Beziehung hatte. DieseZauberbräuche lagen nicht nur ausserhalb des Bereiches der Religion, sonderngalten auch in jedem wohl geordneten Staate als unerlaubt. Niemandemstand das Recht zu, in persönliche Beziehungen zu übernatürlichen Mächtenzu treten, die ihm auf Kosten der Gemeinschaft, der er angehörte, Hülfe zuleisten vermochten. In seinem Verhältnis zu unsichtbaren Wesen sollte erstets mit der Gemeinschaft und für ihre Interessen denken und handeln, nichtaber allein für sich selbst.

Damit stimmt überein, dass jeder vollständige eultische Akt einblosses Gelübde war keine vollständige Handlung, bis es durch ein Opfererfüllt war öffentlichen oder scheinbar öffentlichen Charakter trug. Diemeisten Opfer wurden bei bestimmten Gelegenheiten, an den grossen, voneinzelnen Gemeinschaften oder der Nation begangenen Festen dargebracht;aber auch ein privates Opfer war ohne Gäste nicht vollständig, und was vomOpferfleisch übrig war, wurde nicht verkauft, sondern freigebig ausgeteilt 411 .So bringt jeder eultische Akt den Gedanken zum Ausdruck, dass der Menschnicht nur für sich selbst lebt, sondern für seine Nächsten, und dass dieseGemeinschaft der socialen Interessen der Bereich ist, über den die Götter ihreHerrschaft üben und dem sie die von ihnen zugesagten Segnungen verleihen.

Der ethische Gehalt des Opfer eultus.

Die ethische Bedeutung, die sich mit dem als socialer Akt aufgefasstenOpfermahl verbindet, wird besonders durch gewisse alte Bräuche und An-schauungen verstärkt, die mit dem Essen und Trinken zusammenhängen. Nachantiken Anschauungen sind die, welche mit einander essen und trinken, schondurch diese Handlung durch ein Band der Freundschaft und gegenseitigerVerpflichtung mit einander verbunden. Wenn wir daher in Religionen des

4M) In späteren Zeiten wurde in Griechenland das Opferfleisch zum Verkauf feilgehalten (I. Kor. 10, 25).