202 Siebentes Kapitel. Die Erstlinge der Früchte, der Zehnte etc.
nung, dass ein plötzlicher Umschwung der Stimmung eintrat; auf den düsterenTeil der Feier folgte ganz unmittelbar der Ausbruch wilder Orgien, die we-nigstens in späterer Zeit nicht mehr ein unmittelbarer Ausdruck der Ueber-zeugung waren, dass der Mensch mit den Mächten, die sein Leben lenken unddie Welt regieren, wieder versöhnt sei, sondern in weitem Masse eine reinorgiastische Erregung waren. Durch die äusserste Anspannung in dem düsterenTeil des Cultus waren die Nerven überreizt, und die natürliche Reaction wurdedurch den physischen Antrieb der nachfolgenden Orgien noch verstärkt.
Das ist indes kein Bild von dem, was die semitische Religion von An-fang an oder in ihren gewöhnlichen Bräuchen war. Vielmehr nahm sie dieseGestalt erst in den aussergewöhnlichsten Zeiten des nationalen Unglücks an,und noch mehr unter dem andauernden Druck eines harten Despotismus, alsdie allgemeine Stimmung des socialen Lebens nicht mehr freudevoll und hoff-nungsreich war, sondern in einem schmerzlich empfundenen Gegensatz zu demfröhlichen Wesen des traditionellen Cultus stand. Für solche Zeiten erwiessich das alte Heidentum nicht als ausreichend; es war nur für Zeiten desnationalen Glückes berechnet, als seine frohen Bräuche noch der angemesseneAusdruck für die fröhliche Gemeinschaft waren, in der der Gott und seineVerehrer sich zur Befriedigung beider Teile vereinten. Damals war auch diefestliche Begeisterung der feiernden Schar etwas Unmittelbares und Echtes.Die Leute kamen am Heiligtum zusammen, um hier dem Gefühle dankbarenVertrauens zu ihrem Gotte freien Ausdruck zu geben; durch die gemeinsameFeier des Festes kamen sie auf ganz natürliche Weise in eine freudig erregteFeststimmung, wie es stets der Fall ist, wenn sich viele in gemeinschaftlicherFeier vereinen.
Das sociale Element in der Religion.
In den eultischen Handlungen erwarten wir einen Ausdruck des religiösenIdeals zu finden, und von einer Form der Religion, deren Cultus in wildenFreudenfesten gipfelt, können wir keine hohe Meinung haben. Es hat denAnschein, als suche solche Religion nichts höheres als einen Anlass zu physi-schem Wohlleben, und in gewissem Sinne ist dies Urteil berechtigt. Die vonden Göttern gewünschten Güter waren Segnungen des irdischen Lebens, nichtgeistige, sondern materielle Dinge. Vor dem Aufgehen in blossem Materia-lismus blieb jedoch das semitische Heidentum dadurch bewahrt, dass dieReligion nicht eine Angelegenheit des Individuums, sondern der Gemein-schaft war. Das Ideal war irdisch, aber nicht selbstsüchtig. Wer vor seinemGott ein Fest feierte, gab damit der gemeinsamen Freude über die Wohlfahrtseiner Verwandten, seiner Nachbarn und seines Landes Ausdruck, und indemer durch einen feierlichen eultischen Akt das Band, das ihn mit seinem Gotteverband, erneute, erneute er auch die Bande der familiären, socialen und natio-nalen Verbindung. Wir sahen, dass man die Verbindung zwischen dem Gottund der Gemeinschaft seiner Verehrer nicht als eine Verpflichtung der Gott-heit ansah, die persönlichen Angelegenheiten jedes Gliedes der Gemeinschaft zuden eignen zu machen. Die Götter hatten ohne Zweifel ihre Günstlinge, fürdie sie vieles zu thun bereit waren, was sie zu thun nicht verpflichtet waren;niemand aber konnte sich der Gottheit in einer rein persönlichen Angelegen-