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Die Religion der Semiten
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Der heitere Charakter der antiken Religion. 201

einer gemeinsamen Empfindung ergriffen war. Bei Ackerbau treibenden Völ-kern waren die feststehenden Anlässe zum Opfer die natürlichen Zeiten derErträge, der Herbst und die Weinlese. Zu solchen Zeiten war jedermannbereit, seine Sorgen abzuwerfen und sich vor seinem Gott zu freuen, und sotrug das Zusammentreffen von Pesten des Ackerbaus mit religiöser Feier dazubei, die alte Form des Cultus lebendig zu erhalten, nachdem sie bereits längstnicht mehr in vollem Einklang mit der eigentlichen Weltanschauung derMenschen stand.

Ueberdies muss daran erinnert werden, dass die Stimmung rauschenderFröhlichkeit, die für die ältesten religiösen Feste bezeichnend ist, durch dieAusübung des Cultus selbst genährt wurde. Das Opfermahl war nicht nur einAusdruck der Freude, sondern auch ein Mittel, um die Sorge zu verscheuchen,denn es wurde mit allem Festschmuck, mit Kränzen, Wohlgerüchen und mitMusik, sowie mit einem guten Vorrat von Fleisch und Wein ins Werk ge-setzt. Die sinnlichere Natur des Orientalen ist für solche physische Antriebe ~\J/in so hohem Masse empfänglich, wie es unserem ruhigeren Temperamente nichteigen ist; für den Araber ist es der höchste Genuss, Fleisch essen zu können 408 .Seit den ältesten Zeiten nahm daher die religiöse Festfeier bei den Semiten leichteinen orgiastischen Charakter an und ging in einen Zustand von Trunkenheitder Sinne über, in dem Furcht und Sorge für den Augenblick unterdrückt 4\wurden. Das tritt bei den altkanaanitischen Festen hervor, wie bei dem Rieht.9, 27 beschriebenen Fest der Weinlese zu Sichern, und nicht weniger imHöhen-cultus der Hebräer, wie er von den Propheten geschildert wird. Auch inJerusalem muss der Cultus sehr geräuschvoll gewesen sein, wenn Klagel. 2, 7das Geschrei der Jerusalem erstürmenden Chaldäer in den Tempelhöfen mit demLärm eines hohen Festes verglichen wird. Bei den Nabatäern und sonst wurdeder orgiastische Charakter des Cultus oft auf die Identifizierung semitischerGottheiten, besonders des Busares, mit dem griechischen Dionysos zurückge-führt. Es ist klar, dass eine derartige Religion nicht notwendig ihren Einflussverlor, sobald sie aufhörte, der Ausdruck einer durchweg heiteren Anschauungvon der Welt und der göttlichen Herrschaft zu sein; in schHmmen Zeiten, indenen die Empfindungen der Menschen fast anhaltend trübe waren, nahmensie ihre Zuflucht zu einer physischen Erregung durch die Religion, wie jetztMenschen ihre Zuflucht zum Weine nehmen.

Dass dies kern blosses Phantasiebild ist, ergiebt sich aus der Schilderung,die Jesaias von dem Verhalten seiner Zeitgenossen während des Heranrückensder Assyrer gegen Jerusalem giebt. Während die Opfer vermehrt wurden, diedargebracht wurden, um das Unheil abzuwenden, artete die Haltung der Ein-wohner in die wildeste Erregung aus:Lasset uns essen und trinken, dennmorgen sind wir tot!" 409 .

Wenn ein semitischer Cultus mit Trauern und Klagen begann, wiebei der Totenklage um Adonis 410 oder bei den grossen Sühneceremonien, diein späterer Zeit gebräuchlich wurden so war es eine allgemeine Erschei-

408) Ein häufiges arabisches "Wort, das ich bisweilen dem Taabbata Sarran bei-gelegt gefunden habe, rechnet das Essen von Fleisch zu den drei grossen Genüssen desLebens. Maid an I, II, 22 werden Fleisch und "Wein zusammengestellt als die ver-lockendsten Genussmittel.

409) Jes. 22, 12. 13 vergl. mit 1, 1115.

410) Lucian, De dea Syria, 6.