200 Siebentes Kapitel. Die Erstlinge der Früchte, der Zehnte etc.
liegen, die den Trost der Religion am heissesten begehren, waren in der an-tiken Welt Zeiten, in denen es dem Menschen verwehrt war, sich dem Sitzeder Gegenwart Gottes zu nahen. Uns, die wir gewohnt sind, die Religionnach ihrer Bedeutung für das Leben und für die Glückseligkeit des Indivi-duums zu werten, erscheint das als ein grausames Gesetz. Ja, unser Gerechtig-keitssinn empört sich gegen ein System, in dem das Unglück eine Schrankezwischen dem Menschen und seinem Gott errichtet. Mochte es sich aber umAngelegenheiten des bürgerlichen oder profanen Lebens handeln, es war derantiken Welt eigentümlich, das Gemeinwesen hoch und das individuelle Lebengering zu werten, und niemand empfand das als ungerecht, selbst wenn esihn selbst schwer betraf. Der Gott war der Gott der Nation oder des Stam-mes ; er kannte den Einzelnen und sorgte für ihn nur, sofern er ein Glied derGesamtheit war. Warum sollte denn auch persönliches Unglück durch seineUnheil bedeutende Gegenwart die öffentliche Feststimmung am Heiligtumstören dürfen ?
Der heitere Charakter der antiken Religion.
Mithin muss die ganze Art der gewohnten Zufriedenheit mit sich selbst,ihren Göttern und der Welt, die für den Cultus der antiken Gemeinwesencharakteristisch ist, ohne Berücksichtigung der Wechselfälle des individuellenLebens ihre Erklärung finden. Und soweit die Sache einen anderen Erklärungs-grund fordert als die allgemeine Sorglosigkeit, das Aufgehen in den Empfindungendes Augenblicks, das für die Kindheit der menschlichen Gesellschaft charakte-ristisch ist, liegt, wie ich vermute, der Schlüssel für den heiteren Charakterder uns bekannten antiken Religionen in der Thatsache, dass sie ihre Aus-gestaltung in Gemeinwesen erfuhren, die in einer aufsteigenden Entwickelungbegriffen Avaren und im allgemeinen in glücklichen Verhältnissen lebten. So-weit wir von den Zuständen der ältesten Gesellschaft, sei es in Asien oder inEuropa, in den frühesten, historisch erkennbaren Zeiten ein Bild zu gewinnenvermögen, tritt uns unverkennbar entgegen, dass ein Stamm oder ein Volk,die sich nicht behaupten und vorwärtskommen konnten, in den unaufhör-lichen Kämpfen, die es mit seinen Nachbarn zu bestehen hatte, bald unter-gehen musste. Die Gemeinwesen der antiken Culturwelt hatten sich aus denengebildet, die als die Tüchtigsten übrig geblieben waren, und sie alle besassenjenes Selbstvertrauen und die Spannkraft, die durch den Erfolg im Kampfum das Leben erzeugt wird. Diese Charakterzüge finden auch in dem Reli-gionssystem ihren Ausdruck, das sich im Zusammenhang mit der Bildung desStaates ausgestaltete. Die Form des Cultus, die dem entsprach, musste aberals unzulänglich empfunden werden, sobald das politische System von innenuntergraben oder durch Angriffe von aussen erschüttert war.
Diese Erwägungen erklären hinreichend die für gewöhnlich heitere Stim-mung des antiken Opfercultus. Aber es lässt sich auch beobachten, dass dieForm, sobald sie einmal bestimmt ausgeprägt war, auch dann nicht plötzlichverschwand, wenn ein Umschwung in den socialen Verhältnissen sie nicht mehrals den entsprechenden Ausdruck für die herrschende Stimmung des nationalenLebens erscheinen liess. Die wichtigsten Feiern des antiken Cultus waren fürAnlässe des öffentlichen Lebens bestimmt, wenn die ganze Gemeinschaft von