Die Götter und ihre Verehrer. 199
den mit einem Worte weniger religiös, — oder sie vermochten andererseits diegöttlichen Mächte sich nicht als gewöhnlich wohlwollend und gnädig vorzu-stellen und wurden so dazu bestimmt, von den Göttern ein häufigeres und an-haltenderes Zürnen anzunehmen als es ihre Väter gethan hatten. Infolgedessengaben sie den Sühneriten eine feste und bedeutsame Stellung im Cultus, was sichin einer Veränderung der ganzen, für den alten Cultus charakteristischen Haltunggeltend machte, indem an die Stelle der alten, fröhlichen Zuversicht eine peinlicheund ängstliche Scheu trat, wenn man der Gottheit nahen wollte. Unter den Se-miten bieten die Araber ein Beispiel des völligen Verfalls der Religion, währendsich in der Bevölkerung Palästinas im 7. Jahrhundert v. Chr. die Entwickelungeiner in düsterem Cultus aufgehenden Religiosität unter dem Druck schwerstenpolitischen Unglücks darstellt. Im allgemeinen ist jedoch das für den modernenBetrachter überraschende nicht, dass die alte, heitere Form des Cultus end-lich zusammenbrach, sondern dass sie sich so lange behauptete, wie sie es ge-than hat, oder sogar eine so glänzende Höhe erreichte wie bei den Griechen undSyrern. Das ist eine Thatsache, die eine besonders eingehende Erwägung erfordert.
Die Götter und ihre Verehrer.
Vor allem ist da zu bemerken, dass eine geistige Stimmung, in der dieMenschen mit sich selbst, mit ihren Göttern und der Welt zufrieden waren,die antike Welt nicht hätte beherrschen können, wenn die Religion nicht we-sentlich eine Angelegenheit der Gemeinschaft — mehr als der Einzelnen —gewesen wäre. Es war nicht die Aufgabe der Götter des Heidentums, durcheine Reihe von besonderen Massregeln göttlicher Fürsorge die Wohlfahrt jedesEinzelnen zu beschirmen. Gewiss trugen auch Einzelne ihre persönlichen An-liegen den Göttern vor und baten sie durch Gebete und Gelübde um rein per-sönliche Segnungen. Aber sie thaten es, wie jemand auch vom König einepersönliche Gnade begehren kann, oder wie ein Sohn den Vater um eine Gabebittet, ohne zu erwarten, dass man alles, was man wünscht, auch erhält. Wasdie Götter auf diesem Wege etwa thaten, war ein Erweis ihrer persönlichenGunst und hing mit ihrer eigentlichen Aufgabe als Häupter des Gemeinwe-sens nicht zusammen. Die Wohlthaten, die man von den Göttern erwartete,waren öffentlicher Art und erstreckten sich auf das ganze Gemeinwesen; be-sonders bestanden sie in fruchtbaren Zeiten, in der Zunahme der Herden undin kriegerischem Erfolg. So lange die Gemeinschaft in glücklichen Verhält-nissen lebte, that der Umstand, dass ein Einzelner unglücklich war, dem Ver-trauen auf die göttliche Fürsorge keinen Abbruch, sondern wurde vielmehrals ein Zeichen dafür angesehen, dass der Leidende ein Uebelthäter war, dermit Recht den Göttern verhasst sei. Ein solcher war unter der beglücktenund fröhlichen Menge, die sich an Festtagen am Heiligtum versammelte, nichtam rechten Platze; auch in Israel war Hanna mit ihrer betrübten Miene undmit ihrer stummen Bitte im Heiligtum zu Silo eine fremdartige Gestalt. Undder unglückliche Aussätzige war bei seinem lebenslänglichen Leiden von denreligiösen Feiern ebenso ausgeschlossen wie von allen Rechten des socialenLebens. Sogar, wer um einen Verstorbenen trauerte, war unrein, und seineSpeise wurde nicht in das Haus des Gottes gebracht. Gerade die Anlässedes Lebens, bei denen Beziehungen auf Geistliches dem Christen am nächsten