Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
198
Einzelbild herunterladen
 

198 Siebentes Kapitel. Die Erstlinge der Früchte, der Zehnte etc.

wesens, in dem er lebt, in Widersprach setzt, muss erwarten, geächtet zuwerden. Geringere Verstösse finden als Versehen leicht Verzeihung. Der Ueber-treter erleidet vielleicht eine Geldbusse, aber eine dauernde Schädigung seinersocialen Stellung oder seiner Selbstachtung haben sie nicht zur Folge. Sokann sich auch jemand gegen seinen Gott vergehen und genötigt sein, ihmzur Sühne einen Entgelt zu leisten. In solchem Falle weiss er genau oderkann es doch von einer zuständigen priesterlichen Autorität erfahren, was er zuthun hat, um die Beziehungen wieder in Ordnung zu bringen, und dann ist alleswieder, wie es zuvor war. In einer derartigen Religion hat ein anhaltendesSündenbewusstsein keinen Raum; sie kennt keine cultischen Handlungen, diedem Trachten nach einer unbefleckten Gerechtigkeit, dem Streben nach einerstets unsicheren Vergebung Ausdruck verleihen. Nur wenn alte Religionensich aufzulösen beginnen, dringen auch diese Empfindungen in sie ein. Dieälteren Volks- oder Stammesreligionen wirkten mit einer gewissen mechani-schen Leichtigkeit. Die Menschen sind mit ihren Göttern zufrieden und habendie Empfindung, dass auch die Götter mit ihnen zufrieden sind. Oder wenneinmal Hungersnot, verheerende Krankheiten oder Unglück im Kriege anzu-zeigen scheinen, dass die Götter zürnen, so liegt darin noch kein Anlass, ander Zulänglichkeit des religiösen Systems an sich zu zweifeln, sondern es giltnur als ein Zeichen, dass von irgend jemand ein schweres Vergehen begangenworden ist, für das die Gemeinschaft verantwortlich ist. Dass sie es wiedergutmachen und dem Gotte gegenüber wieder in ein gutes Verhältnis, wie esvordem bestand, treten könne, unterliegt keinem Zweifel. Wenn Regen fällt,wenn die Krankheit erlischt oder die Niederlage wieder ausgeglichen ist, habensie zugleich das frühere Vertrauen wiedergewonnen, und wiederum essen undtrinken und freuen sie sichvor ihrem Gott" in der Zuversicht, dass er undsie im denkbar besten, freundschaftlichen Verhältnis zu einander stehen.

Die Bedeutung der Opfermahle.

Eine Religion, die den angemessenen, sinnenfälligen Ausdruck ihrer Eigen-art in dem fröhlichen Opfermahl findet, beruht auf einer Anschauungsweise,einer Auffassung der Welt wie der Götter, die wir uns nur schwer zu ver-gegenwärtigen vermögen. Das Menschenleben ist niemals vollkommen glück-lich und innerlich befriedigend; die alte Religion jedoch glaubt, dass es durchdie Hülfe der Götter so glücklich und befriedigend ist, dass die gewöhnlichencultischen Handlungen in Glanz und Fröhlichkeit aufgehen, indem sie nurein Ausdruck der Idee sind, dass die Feiernden mit sich selbst und mit ihremgöttlichen Herrn zufrieden sind. Darin spricht sich ein Grad der sorglosenHingebung an den Augenblick aus, eine Fähigkeit, das Vergangene hinter sichzu werfen und nur den Eindrücken der unmittelbaren Gegenwart zu leben, dienur der Kindheit der Menschheit eigen sind, und die nur bei der kindlichenUnkenntnis des unerbittlichen Gesetzes, dass Gegenwart und Zukunft an dieVergangenheit gebunden sind, bestehen können. Dem entspricht es, dass ent-wickeltere Nationen des Altertums, sobald sie aus dem Kindesalter der Nationheraustraten, die Formen der alten Religion als unzulänglich zu empfindenbegannen. Dann aber Hessen sie es sich entweder weniger angelegen sein, ihrganzes Glück mit dem Cultus der Götter in Verbindung zu bringen, sie wur-