196 Siebentes Kapitel. Die Erstlinge der Früchte, der Zehnte etc.
stets noch ihre Gelübde und freiwilligen Gaben dar und veranstalteten Festeim eignen Familienkreise. Diese aber waren vom Zehnten ganz unabhängig,der eine öffentliche Abgabe war, die für alles, was als öffentliche An-gelegenheit der Religion galt, bestimmt war. Das Zehnten-System hat mithinmit der ursprünglichen Religion der Hebräer garnichts zu thun. Der einzigePunkt, den es in betreff der älteren Gestalt des Cultus aufzuhellen vermag, liegtdarin, dass der Zehnte kaum entstanden sein könnte, ausser in Zusammenhangmit der Vorstellung, dass die Unterhaltung des Opfercultus eine öffentlichePflicht sei, und dass das Opfermahl wesentlich öffentlichen Charakter hatte.Dieser Gesichtspunkt ist von höchster Wichtigkeit und muss für den weiterenGang der Darstellung in voller Bestimmtheit gegenwärtig sein.
Die Opferfeste.
Lange, bevor irgend ein staatliches Einkommen für die Unterhaltungdes Opfercultus besonders bestimmt war, war der hebräische Cultus in seinergewöhnlichen Gestalt wesentlich social; denn im Altertum war alle Religionmehr eine Angelegenheit der Gemeinschaft als des Individuums. Das Opferwar eine öffentliche religiöse Feier, die von einer Stadtgemeinde oder einemStamme veranstaltet wurde 405 , und die einzelnen Familienhäupter waren ge-wohnt, ihre privaten Opfer auf die jährlichen Feste zu verlegen, indem sieihren religiösen Bedürfnissen in der Zwischenzeit durch Gelübde genügten, die,wenn die Festzeit wiederkehrte, gelöst wurden (I. Sam. 1, 3. 21).. Dannströmten die Volksmassen von allen Seiten dem Heiligtume zu, mit festlichenGewändern bekleidet (Hos. 2, 15), unter Musikklängen fröhlich einherziehend(Jes. 30, 29), indem sie nicht nur die zum Opfer bestimmten Schlachttieremit sich brachten, sondern auch einen reichlichen Vorrat an Brot und Wein,um das Fest zu begehen (I. Sam. 10, 3). Das Gesetz des Mahles aber wardie offenste Gastfreiheit; kein Opfermahl war ohne Gäste vollkommen, undReichen wie Armen wurde im Kreise der Bekanntschaft bereitwillig ein Anteilgewährt 406 . Allgemeine Fröhlichkeit herrschte; die Menschen assen, trankenund waren mit einander fröhlich, indem sie sich freuten vor ihrem Gott.
Das Bild, das ich von der herrschenden Form des hebräischen Opfersvorgeführt habe, enthält nichts, was der Jahwereligion eigentümlich wäre.Aus dem alten Testament erhellt aufs deutlichste, dass die cultischen Bräuchean einem kanaanäischen und an einem hebräischen Heiligtum so ähnlich waren,
405) I. Sam. 9, 12. 20, 6. In der letztgenannten Stelle bedeutet „ Familie" nichtden Kreis des Hauses, sondern das Geschlecht (gens).
406) I. Sam. 9, 13. IL Sam. 6, 19. 15, 11. Neh. 8, 10. — Das Opfermahl und diezu ihm geladenen Gäste brauchen die Propheten als Bild für das göttliche Strafgerichtan Israel. Hes. 39, 17—29. Zeph. 1, 7. Wenn Nabal dem David die Teilnahme an seinemFest der Schafschur verweigert (I. Sam. 25, 4—12), so ist das nicht nur grob, sondernauch eine Verletzung der religiösen Sitte. Aus Arnos 4, 5 ergiebt sich, dass mit einemfreiwilligen Opfer auch eine freie Einladung an alle, die kamen und teilnahmen, erging.— Für die arabische Sitte bei gleichen Gelegenheiten s. Wellhausen, Heidentum,114 f. Eine Festhalte für das gemeinsame Opfer wird bereits I. Sam. 9, 22 erwähnt,ihre Bezeichnung liska scheint mit dem griechischen l-sa'/ri identisch zu sein, worauszu schliessen ist, dass auch die Phönicier bereits seit sehr alter Zeit ähnliche Hallenhatten; vergl. Rieht. 9, 27. 16, 23 ff. Ueber die gemeinsamen Feste der Syrer in spä-terer Zeit s. Posidonius von Apamea bei Athenaeus Xn, 527 (= Fragm. Hist.Graec. III, 258).