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Die Religion der Semiten
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194 Siebentes Kapitel. Die Erstlinge der Früchte, der Zehnte etc.

sein müssen. Mit der reicheren Ausgestaltung des Cultus entstand naturgemässaus dieser Wurzel eine bestimmte Abgabe, die das Land für den Bedarf deröffentlichen Culte zu leisten hatte, wie eine solche auch bei den Phönicierngesammelt wurde. Solche Abgabe wurde aber nicht an die Priester, sondernan die Häupter der Stämme oder Gemeinden entrichtet, d. h. an die Vor-nehmen, und war notwendig denselben Missbräuchen ausgesetzt, wie sie imNordreiche herrschten. Um solche Missstände zu heilen, gestattet das Deutero-nomium jedem Bauern, seine eignen Zehnten am Centralheiligtum nach seinemBelieben darzubringen. Wäre jedoch diese Massregel allein aufrecht erhaltenworden, so hätte sie die gänzliche Aufhebung eines gemeinsamen Schatzes zurFolge gehabt, der, so sehr er praktisch missbraucht wurde, in der Theoriedie Kosten des Öffentlichen Opfermahles zu tragen bestimmt war, bei demjeder auf einen Anteil Anspruch zu erheben berechtigt war. Für die Besitz-losen war dieser communale Besitz unfraglich von einigem Werte, währendihn aufzubringen auch den ärmeren Bauern kaum sehr bedrückte 403 . JeneSchwierigkeit wurde durch den alle drei Jahre zu entrichtenden Zehnten gehoben,der zu Almosen für Arme und für die Leviten bestimmt war, die keinen Land-besitz hatten. Genau genommen war diese alle drei Jahre entrichtete Abgabe dereinzige, in Wirklichkeit bestehende Zehnte, die einzige Abgabe für einenreligiösen Zweck, die jemand zu entrichten wirklich verpflichtet war, und ansie knüpft die ganze folgende Entwickelung der hebräischen Zehnten an. Derandere Zehnte, der nicht eine pflichtgemässe, sondern nur eine freiwilligeLeistung war, verschwindet in der semitischen Gesetzgebung überhaupt.

Der Zehnte und die öffentlichen Opfer mahle.

Wenn diese Auffassung des hebräischen Zehnten richtig ist, so ist ereine Institution von verhältnismässig jungem Ursprung was durch dasSchweigen der ältesten Gesetze bestätigt wird und kann über die ursprüng-lichen Principien des semitischen Opfers wenig Licht verbreiten. Der Gedanke,dass der Gott des Landes von dem Ertrage des Bodens einen Tribut bean-spruche, kam in einer Zeit, wo die Heiligtümer und ihr Cultus noch so einfachwaren, dass keine complicierten Massregeln für ihren Unterhalt erforderlichwaren, durch Darbringung der Erstlingsfrüchte zum Ausdruck. Der Zehnteentstand, als der Cultus eine weitere Ausgestaltung erfuhr, und als das Ritualglänzender wurde, sodass zu ihrem Unterhalt ein bestimmter Tribut notwendigwurde. Der Tribut nahm die Form einer den Erzeugnissen des Landes auf-erlegten Steuer an, teils weil sie die gewöhnliche Quelle der Einkünfte füröffentliche Zwecke waren, teils weil solche Abgabe ihre Rechtfertigung inder religiösen Anschauung fand, sofern sie mit dem Princip der Darbringungder Erstlingsfrüchte in Einklang stand und einen Tribut bildete, der demGotte von den Gaben des Ackerbaus, die er verlieh, dargebracht wurde. Aller-dings beschränkt sich darauf die Aehnlichkeit zwischen den Zehnten und denErstlingsfrüchten. Die Erstlingsfrüchte waren ein Privatopfer des Verehrers,

403) Das gleiche Princip wurde in Griechenland anerkannt:&nb ttöv tsptüv yap oiKiiaypi Järaiv'. Scholion zu Aristophanes, Plutus , 596 bei Hermann, Gottes-dienstl. Altertümer, § 15, Anm. 16). Das gleiche war beim arabischen Mehlopfer desU k a i s i r der Fall (s. oben, p. 169).