Der Zehnte im alten Israel. 193
liegen, ist kein sicherer Rückschluss auf die Bräuche an den Cultusstätten desNordreiches möglich. Der Zusammenhang zwischen dem Zehnten und demTribut ist zu eng und zu alt, als dass wir ohne weiteres annehmen dürften,dass der jährliche Zehnte im Deuteronomium, der nichts vom Charakter desTributs hat, das ursprüngliche Vorbild dieser Institution war. Diese Schwie-rigkeit wird dadurch nicht vermindert, wenn wir sehen, dass das Deuterono-mium noch eine andere Art des Zehnten kennt, der in drei Jahren einmalzu leisten ist, der thatsächlich ein heiliger Tribut ist, aber nicht für denAltar, sondern für die Armenpflege bestimmt ist. Es ist eine willkürlicheBehauptung, dass die erste Art des Zehnten im Deuteronomium dem altenBrauch entspreche, während der zweite eine Neuerung des Autors sei. Vielmehrweisen einige Andeutungen des Deuteronomiums auf einen andern Hergang hin.Deut. 26, 12 wird das dritte Jahr, in dem die Armensteuer zu zahlen ist, speciellals das „Zehntjahr" bezeicbnet, und der zu Gunsten der Armen entrichteteZehnte wird v. 13 als „Heiliges" bezeichnet, während der jährliche Zehnte,der bei Familienfesten am Heiligtum dargebracht wird, nicht dazu gerechnetwird. Gegenüber diesen Schwierigkeiten ist die Annahme, dass jeder vomDeuteronomium geforderte Zehnte einem alten Brauch entspricht, nicht ge-sichert. Betrachten wir die Darstellung, die Arnos vom Cultus zu Bethel giebt,im ganzen, so ist ein auffallender Zug, der uns gar nicht entgehen kann, dass dieüppigen Feste am Heiligtum, wie Arnos sie schildert, von den alten, länd-lichen Festlichkeiten zu Silo, wie sie im I. Samuelisbuch beschrieben werden,durchaus verschieden sind. Es sind nicht einfach ländliche Lustbarkeitenvolkstümlicher Art, sondern vorwiegend Feste der Reichen, die sich auf Kostender Armen ergötzen. Der Grundton, den Arnos 2, 7. 8 anschlägt, wo dasHeiligtum selbst als Sitz von Gewaltthat und Erpressung bezeichnet wird,beherrscht die Stimmung des ganzen Buches. Die Anklage, die Arnos gegendie Reichen erhebt, ist nicht nur die, dass sie offenkundig die Religion zur Schautragen und doch Gewaltthat üben, sondern dass ihre in prunkvollem Cultussich äussernde Religion auf Unterdrückung begründet ist, auf den Gewinnaus der Corruption der Rechtspflege und aus anderen Arten der Erpressung.Das ist nicht die Umgebung, in der die idyllische Schlichtheit der deutero-nomischen Familienfestlichkeit, die aus dem Zehnten hergerichtet wird, eineStätte findet. Aber es sind durchaus die Verhältnisse, in denen man denZehnten in der Bedeutung zu finden erwartet, die wir als seinen ursprüng-lichen Sinn angenommen haben. Die Einkünfte der Staatsreligion aber, dieursprünglich dazu bestimmt waren, die Kosten einer öffentlichen Gastfreiheitam Heiligtum zu decken, und die hinreichten, um Reichen wie Armen ingleicher Weise die Möglichkeit zu gewähren, sich vor ihrem Gotte zu freuen,wurden von der herrschenden Klasse monopolisiert.
Bei dieser Auffassung werden die Neuerungen im Gesetz über den Zehnten,wie sie das Deuteronomium festlegt, durchaus begreiflich. Im Reiche Judagab es ausser dem Tempel zu Jerusalem kein königliches Heiligtum, dessenUnterhalt zu den Verpflichtungen des königlichen Hofhaltes gehörte, und esist kaum anzunehmen, dass ein Teil der königlichen Einkünfte zur Unter-haltung der localen Heiligtümer bestimmt war. Aber bereits zur Zeit Samuelsfinden wir religiöse Feste von Stämmen oder Städten, die mehr als eine blosseVereinigung privater Opfer sind, die vielmehr aus gemeinsamen Mitteln bestritten
Smith, Eeligion. 13