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Die Religion der Semiten
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192 Siebentes Kapitel. Die Erstlinge der Früchte, der Zehnte etc.

dies dadurch geschah, dass die aus dem umliegenden Gebiet in natura er-hobenen Abgaben dem Heiligtum zugewiesen wurden 399 . Es ist daher be-achtenswert, dass die einzigen vordeuteronomischen Erwähnungen einer an dasHeiligtum zu entrichtenden Abgabe sich auf daskönigliche Heiligtum" zuBethel beziehen (Gen. 28, 22. Arnos 4, 4. 7, 13).

Die Abgaben, die an die alten Heiligtümer entrichtet wurden, brachteman in verschiedener Weise dar, und sie waren keineswegs, was der hebräischeZehnte zuletzt unter der Hierarchie wurde, eine für den Unterhalt der Priesterbestimmte Einnahme. So finden wir in Südarabien Abgaben, die bei derErrichtung heiliger Male gelobt sind 400 . Einer der wichtigsten Zwecke, fürdie sie verwandt wurden, ist indes die Bestreitung der Kosten von Festen undOpfern, die öffentlichen Charakters waren, bei denen den Feiernden, ohne dasssie einen Beitrag zu liefern hatten, freier Unterhalt gewährt wurde 401 . Anden königlichen Heiligtümern der Hebräer kann dies nichts Seltenes gewesensein; denn reiche Gastlichkeit gegenüber allen, die sich zu den grossen reli-giösen Festen versammelten, galt selbst zur Zeit Davids als eine Pflicht desKönigs (IL Sam. 6, 19). Ebenso führt Arnos die Einkünfte des Heiligtumszu Bethel als eines der wichtigsten Mittel an, um die Kosten des üppigenund prunkvollen Cultus am Heiligtum zu bestreiten.

Wenn unsere Auffassung der Thatsachen richtig ist, so waren die Ab-gaben, die in Bethel als Zehnten zusammenflössen, ihrem Wesen nach imstrengen Sinne ein Tribut, der aus einem bestimmten Gebiete erhoben,und dessen Beitreibung durch che königliche Macht erzwungen wurde. Siestanden nicht jedermann zur Verfügung, um ein privates religiöses Fest fürsich und seine Familie zu veranstalten, sondern waren für den Bedarf deröifentlichen oder königlichen Opfer bestimmt. Diese Auffassung wird indes,wie ausdrücklich hervorgehoben Averden soll, nicht von allen neueren Forscherngeteilt. Die alten Feste an den hebräischen Heiligtümern der vorköniglichenZeit wurden nicht aus einem Staatseinkommen bestritten, sondern dadurch,dass jedermann sein Opfertier und alles, was sonst zu einem frohen Feste nötigwar, zum Heiligtum mitbrachte samt dem Opferfleisch, das dabei die Haupt-sache war (I. Sam. 1, 21. 24; 10, 3). Gewöhnlich wird angenommen, dassdiese Schilderung auch für die Feste zu Bethel noch zur Zeit des Arnos zu-treffend sei, und dass die Zehnten in dem Vorrat bestanden, den jeder Bauerfür ein im Kreise seiner Familie und seiner Freunde gefeiertes Fest mitbrachte.Auf den ersten Blick scheint diese Annahme durchaus wahrscheinlich zu sein,besonders wenn wir sehen, dass das Deuteronomium, das ein Jahrhundert nachArnos entstanden ist, in der That vorschreibt, dass die jährlichen Zehnten vonjedem Familienhaupte zu einem Familienfeste vor Jahwe benutzt werden sollen.Aus den Reformen aber, die in den deuteronomischen Bestimmungen vor-

399) Vergl. das Verleihungsdecret des Dorfes Baetocaece für die Instandhaltungder Cultusstätte des Ortes bei Waddington, No. 2720a.

400) Mordtmann und Müller, Sab. Denkmäler, No. 1,1.

401) Xenophon, Anab. V, 3, 9. W a d di n g t o n, a. a. O. Aehnlich wurdeder Zehnte an Weihrauch, der den Priestern zu Sabota in Südarabien entrichtet wurde,an dem Feste verwendet, das der Gott seinen Gästen für eine bestimmte Anzahl vonTagen gab. (P 1 i n i u s, Hist. nat. XII, 63.) M. R. D u v a 1 (Revue d'Assyriologie, 1888,p. 1 f.) meint, dass zu Taimä in Nordarabien ein Zehnter auf die Palmbäume gelegtwar, von denen dem Priester eine Abgabe entrichtet wurde. Doch ist das sehr zweifelhafte.