190 Siebentes Kapitel. Die Erstlinge der Früchte, der Zehnte etc.
am Altar übergeben werden mnsste; sondern nur, wenn ein Opfer veran-staltet werden musste, waren sie als die heiligsten zugleich die wertvollstenund geeignetsten Opfer. Als aber die alten Ideen der Heiligkeit nicht mehrverstanden wurden, und als unter heiligen Tieren solche verstanden wurden,die zum Opfer abgesondert waren, so erforderte eine auf der Hand liegendeAusdehnung dieser neuen Vorstellung von der Heiligkeit, dass die menschlicheErstgeburt durch ein Tieropfer als Ersatz losgekauft werden musste (Gen. 22).Aus diesem Gebrauche erst hat sich dann im siebenten Jahrhundert das Men-schenopfer leicht entwickelt, als die gewöhnlichen Mittel zu schwach schienen,um den Zorn der Gottheit zu besänftigen.
Im Passa finden wir das Erstlingsopfer in der Gestalt eines jährlichenFestes im Frühjahr. Dieses Zusammenfallen ist nur möglich, wenn dieZeit, in der die Tiere Junge werfen, in den Frühling fällt. Bei denSchafen kommen im alten Italien zwei Zeiten des Werfens in Betracht;einige werfen im Frühjahr, andere im Herbst. Dass das gleiche für Palästinagalt, kann vielleicht aus den alten Versionen von Gen. 30, 41. 42 erschlossenwerden 391 . In Arabien wirft alles Vieh, kleine wie grosse Arten, zur Zeitder Frühjahrsweide; somit haben wir hier eine notwendige Voraussetzung fürein Frühjahrsopfer der Erstgeburt 302 und damit auch einen zwingenderenGrund als die Angabe des Lisän, den arabischen Opfermonat Ragab mit demOpfer der Erstlinge zu identifizieren.
Der Zehnte im alten Israel.
Die Idee des im Opfer dargebrachten Tributs kommt bei den ältestenVölkern am deutlichsten im heiligen Zehnten zum Ausdruck, der denGöttern von dem Ertrage des Bodens, bisweilen auch von anderen Ein-künften entrichtet wurde 393 . Im Altertum sind der Zehnte und der Tributfür die Praxis identisch; auch die Bezeichnung als Zehnter ist nicht strengauf Abgaben von einem Zehnteil beschränkt, vielmehr dient der Ausdruckzur Bezeichnung jeder Abgabe, die nach einem festen Verhältnis entrichtetwird. Diese Steuern sind unter den Einkünften der orientalischen Herrscher,wie schon seit sehr alter Zeit, von besonderer Wichtigkeit. Die babylonischenHerrscher erhoben einen Zehnten von der Einfuhr 394 , und der Zehnte anFeldfrüchten nahm unter den Einkünften der persischen Satrapen 395 die ersteStelle ein. Ebenso erhoben auch die israelitischen Könige von ihren Unter-thanen den Zehnten; der Tribut, wie ihn Salomo für den Unterhalt seiner
391) Nicht aus dem Urtext selbst; vergl. Bochart, Hierozoicon, Pars I, lib. ILcap. 46.
392) Doughty, I, 429. Lady Anne Blunt, Bedouin Tribes, II, 166: „DieZeit, wo die Kamele Junge werfen, ist im Februar und im Anfang des März". Es giebtnatürlich Ausnahmen von dieser Regel; aber das Sommerfohlen (saifi) wird von denArabern für ein schwächliches Tier gehalten, s. Hamäsa, p. 389, Z. 25.
393) Siehe die Belege, die von Spencer, Liber III, cap. III, § 1 gesammeltsind; vergl. Hermann, Gottesdienstliche Altertümer der Griechen. 2. Aufl. § 20Anm. 4; Wyttenbach im Index zu seiner Ausgabe von Plutarchs Moralin, s. v.'HpaxXfjg.
394) (Aristoteles,) Oekonomika, p. 1352 b (Ausgabe der Berliner Akad.). DenZehnten von der Einfuhr finden wir auch in Mekka. Azraki, p. 107. Ibn Hisäm, p. 72.
395) (Aristoteles,) Oekonomika, p. 1345 b .