Die Brandopfer. Igl
ist jedoch auf die priesterliche Tradition, wie sie dem levitischen Gesetz zuGrunde liegt, grosses Gewicht zu legen, Die Priester würden ohne weitereskeine Unterscheidung derart, wie sie dargestellt ist, erfinden, und thatsächlichsprechen gute Gründe dafür, dass sie dieselbe nicht erfanden. Denn es kannnicht zweifelhaft sein, dass in alten Zeiten der gewöhnliche Anlass der minhadie Darbringung der Erstlingsfrüchte war, d. h. eine kleine, aber auserleseneAbgabe vom jährlichen Ertrage des Bodens, die in der That das einzige Opferist, das von den ältesten Gesetzen vorgeschrieben wird (Exod. 22, 29. 23, 19.34, 26). Soweit ersichtlich ist, waren die Erstlingsfrüchte stets ein Tribut,der der Gottheit am Heiligtume ganz überliefert wurde. Sie wurden von denLandleuten in Körben herbeigebracht und am Altar niedergelegt (Deut. 26, 1 ff.).Soweit sie nicht auf dem Altar wirklich verbrannt wurden, waren sie für diePriester bestimmt 873 , das heisst nicht für den gerade amtierenden Priester alsBelohnung für seine cultische Verrichtung, sondern für die Priester als Ge-meinschaft, als Haushalt des Heiligtums 37i .
Bei den Hebräern verbindet sich, wie bei manchen andern Ackerbau treiben-den Völkern, mit der Darbringimg der Erstlingsfrüchte die Anschauung, dasses weder erlaubt noch heilsam sei, von den neuen Früchten zu essen, bevorder Gott seinen Anteil empfangen hat 37B . Das Opfer macht die ganze Erntezu erlaubter, aber nicht zu heiliger Speise; denn ausser dem kleinen Anteil,der am Altar dargebracht worden ist, ist nichts geweiht, und von der übrigenMasse essen im Verlaufe des Jahres Reine wie Unreine. Es ist also etwasvon der Weihung der Tieropfer durchaus Verschiedenes; denn in diesem Fallist das ganze Fleisch heilig, und nur wer cultisch rein ist, darf es essen 376 .
Im alten Israel war jedes Schlachten ein Opfer 377 , und es war stetszugleich ein religiöser Akt, wenn jemand Rind- oder Hammelfleisch ass. Mitdem Gemäss der Feldfrüchte aber waren solche religiösen Beziehungen nichtgegeben; sobald der Gott von den Erstlingsfrüchten seinen Anteil erhalten hatte,war der übrige häusliche Vorrat dem allgemeinen Gebrauche überlassen.Der Unterschied zwischen Pflanzennahrung und Fleischkost ist also scharfbezeichnet, und obgleich natürlich auch Brot zum Heiligtume gebracht ward,um bei den zebdlüm gegessen zu werden, so hatte und konnte es doch nichtdieselbe religiöse Bedeutung haben wie das heilige Fleisch. Aus Arnos 4, 4ist ersichtlich, dass im nördlichen Israel die Sitte bestand, einen Teil von demgesäuerten Brote, mit dem sich der Verehrer versorgt hatte, mit dem Opfer-fleisch auf dem Altar niederzulegen, und dieser Brauch ist durchaus natürlich;denn warum sollte der Anteil der Gottheit an dem Opfermahle nicht dieselben
373) Lev. 23, 17. Deut. 18, 4. Für den Zweck dieser Ausführungen ist es nichtnötig, den in der nachbiblischen Ueberlieferung bestehenden Unterschied zwischen rösithund bildcürim zu beachten. Vergl. darüber Wellhausen, Prolegomena. 3. Auti.p. 161 f.
374) Das folgt aus IL Kön. 23, 9. Die Abgabe wurde zuweilen einem „ManneGottes" überliefert (IL Kön. 4, 42), was nur ein anderer Weg ist, um sie der Gottheitdarzubringen. Im levitischen Gesetz gehört auch die minha den Priestern insgesamt(Lev. 7, 10). Das ist ein wichtiger Punkt. Was der amtierende Priester als eine Ge-bühr erhält, bekommt er vom Verehrer, was die Priester als Körperschaft empfangen,wird ihnen von der Gottheit gegeben.
375) Lev. 23, 14. Vergl. P 1 i n i u s, Hist. nat. 18, 8.
376) Hos. 9, 4 bezieht sich nur auf animalische Nahrung.
377) Das Gleiche gilt für das alte Arabien, s. Wellhausen, Heidentum, p. 114.