182 Sechstes Kapitel. Das Opfer.
Beigaben an Brot haben wie der Anteil des Menschen ? Nichts deutet aberdarauf hin, dass diese Opfergabe auch dem Anteil des Brotes Weihe verliehund ihn zu heiligem Brote machte, den der Opfernde für sich behielt. Das einzigeheilige Brot, von dem wir hören, ist solches, das den Priestern, aber nichtden Opfernden zukam (I. Sam. 21, 4 f.). Die Kuchen von gewöhnlichemBrote, die nach Lev. 7, 14 Num. 6, 15 dem Priester übergeben werden, stattauf dem Altar niedergelegt zu werden, werden auch von der mirika genau unter-schieden. In alter Zeit standen den Priestern derartige Cultusgebüliren nichtzu. Sie erhielten nur die Erstlingsfrüchte und hatten Anspruch auf ein Stückdes Opferfleisches (Deut. 18, ,3. 4. I. Sam. 2, 13 ff.), betreffs dessen manwird annehmen können, dass der Brauch, mit dem zehali auch Brot darzubringen,nicht ursprünglich war. Li der That scheint es Arnos als eine im judäischenCultus nicht bekannte Erscheinung mit einiger Verwunderung zu erwähnen.Auf alle Fälle aber konnte ein Opfermahl nicht aus Brot allein bestehen. Dieganze alte Geschichte hindurch hat es als eine selbstverständliche Thatsachegegolten, dass zu einem religiösen Feste das Schlachten eines Opfertiers erfor-derlich sei 878 .
Die Unterscheidung, die wir zwischen dem Speisopfer, in dem diebestimmende Idee die eines der Gottheit entrichteten Tributes ist, und denTier opfern, die ihrem Wesen nach Akte der zwischen dem Gott undseinen Verehrern bestehenden Gemeinschaft sind, weiterhin zu machen haben,erfordert eine tiefer auf die Einzelheiten eingehende Ausführung.
378) Was über den Unterschied von Opfergaben an Früchten und dem Opferfestbemerkt worden ist, scheint ebenso für Griechenland und Rom zu gelten; eine gewisseAbweichung tritt bei den häuslichen Mahlen ein, die bei den Semiten keinen religiösenCharakter hatten, aber zu Rom einen religiösen erhielten, indem den Hausgöttern einAnteil dargebracht wurde. Dies hat indes mit der öffentlichen Religion nichts zu thun,für die das Gesetz gilt, dass es kein religiöses Pest ohne ein Opfer giebt, und dass diegeweihten aparcliae dem Heiligtum ganz übergeben werden. Das gleiche gilt für an-dere Völker, und es scheint sogar eine allgemeine Regel zu sein. Doch giebt es Aus-nahmen. J. G. Prazer hat mich auf W i 1 k e n s' Alfoeren van het eiland Beroe, p. 26,hingewiesen, wo ein wirkliches Opferfest von den Erstlingsfrüchten des Reises veran-staltet wird. Dies wird genannt „das Essen der Seele des Reises", sodass der Reis alsein lebendes "Wesen betrachtet wird. In solchem Falle ist es also nicht unbegründet,zu sagen, dass der Reis als ein wirklich beseeltes Opfer betrachtet wird. Religionen aufder Kulturstufe des Ackerbaus scheinen oft Vorstellungen aus den älteren Culten desHirtenlebens übernommen zu haben.