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Die Religion der Semiten
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180 Sechstes Kapitel. Das Opfer.

geball war nicht nur weit häufiger als das Holocaustum, sondern auch vieltiefer mit den vorwiegenden religiösen Ideen und Empfindungen der Hebräerverknüpft. Das Zeugnis der alten Litteratur ist dafür entscheidend; sebahund minha, d. h. Opfer, die geschlachtet wurden, um Material für ein reli-giöses Fest zu liefern, und vegetabilische Opfergaben, die auf dem Altar dar-gebracht wurden, bildeten den Hauptbestand der religiösen Bräuche der älterenHebräer. Diese gewöhnlichen Riten müssen wir zu verstehen suchen, bevorwir das schwierigere Problem in Angriff nehmen, das in den Formen desOpfers vorliegt, die als Ausnahmen erscheinen.

Wenn wir hier von den Sülmopfern und den vollen Brandopfern ab-sehen, so tritt uns die Thatsache entgegen, dass der Unterschied zwischenden Opfern, an denen der Verehrer einen Anteil hatte, und den Opfern, dieder Gottheit ganz überlassen wurden, um auf dem Altar verbrannt odervon den Priestern verzehrt zu werden, nach dem levitischen Gesetze demUnterschiede zwischen Tieropfern und vegetabilischen Opfern entspricht. DasOpfertier wurde an den Altar gebracht und durch Auflegen der Hände ge-weiht; der grössere Teil des Fleisches aber wurde dem Opfernden zurückge-geben, um nach besondern Bestimmungen von ihm gegessen zu werden. Eskonnte nur von Personen gegessen werden, die im cultischen Sinnerein"waren, d. h. die geeignet waren, sich der Gottheit zu nahen. Wenn das Fleischnicht am selben Tage, oder in gewissen Fällen in zwei Tagen, verzehrt wordenwar, so musste es verbrannt werden (Lev. 7, 15 ff. 19, 6. 22, 30). Der un-verkennbare Sinn dieser Bestimmungen ist der, dass das Fleisch nicht gewöhn-liches, sondern heiliges Fleisch ist (Hagg. 2, 12. cf. Jes. 11, 15. LXX), unddass der Genuss desselben ein Teil der cultischen Handlung ist und zum Ab-schluss gekommen sein muss, bevor die Leute aus dem Heiligtum aufbrechen 371 .Das zebah ist also nicht eine abgeschwächte Form des Opfers, bei dem dieLeute nur ungern das ganze Opfertier dem Gotte darbringen.

Vielmehr liegt die centrale Bedeutung des Ritus in dem Akt der Gemein-schaft zwischen Gott und dem Menschen, wobei dem Verehrer gestattet ist,von demselben heiligen Fleisch zu gemessen, von dem ein Teil als Speiseder Gottheit" auf dem Altar niedergelegt ist. Bei der minha tritt uns nichtsdavon entgegen; die geweihte Opfergabe wird von der Gottheit ganz behalten,und des Verehrers Anteil an der cultischen Handlung ist damit, dass er seineGabe übergeben hat, erledigt. Kurz, während es sich bei dem zebah um einenAkt der Gemeinschaft zwischen der Gottheit und ihren Verehrern handelt, istdie minha wie schon ihr Name sagt einfach ein Tribut.

Ich wage nicht zu behaupten, dass die im levitischen Gesetz klar vor-liegende Unterscheidung bereits vor dem Exil in allen Fällen von Speisopfernbeobachtet wurde. Wahrscheinlich ist es nicht; denn wir sehen, dass in denmeisten alten Religionen Speisopfer in geAvissen Fällen als Ersatz für Tier-opfer angenommen wurden, und dass auf diese Weise der Unterschied zwischenbeiden Arten des Opfers allmählich verwischt wurde 372 . In solchen Dingen

371) Die alten Opferfeste beanspruchten nur einen Tag (I. Sani. 9) oder höch-stens zwei Tage (1. Sani. 20, 27).

372) So vertraten in Rom oft Nachbildungen aus Wachs oder Teig die Stelle derTiere. Dasselbe war in Athen der Fall; vergl. Hesychius s. v. ßoö£ und £ß6o|j,ojßoös; vergl. T h u c y d. 1 , 126 und Schol. In Karthago fanden wir die Bezeichnungeebah für ein Pflanzenopfer gebraucht.