Die Brandopfer. 179
Für die Beurteilung des ursprünglichen Zweckes und Sinnes dieser beidenArten des Opfers wird es vor der Hand angemessen sein, unsere Betrachtungauf die einfachsten und gebräuchlichsten Formen des Opfers zu beschränken.In der letzten Zeit des Königreiches Juda und noch mehr nach dem Exil ge-wannen Sühnopfer und volle Brandopfer eine Bedeutung, die sie in altenZeiten nicht gehabt hatten. Die alte Geschichte weiss vom levitischen Sünd-opfer nichts; die sühnende Kraft des Opfers ist nicht auf eine besondereKlasse von Opfern beschränkt, sondern ist allen Opfern eigen 309 . Das volleBrandopfer ist, obgleich es alt ist, hi alten Zeiten doch keine gewöhnlicheForm des Opfers. Abgesehen von ganz ausnahmsweisen Anlässen erscheint essonst nur bei grossen öffentlichen Festen und in Verbindung mit den zebaliim.Die unglücklichen Zeiten, die dem Untergange der hebräischen Unabhängig-keit vorangingen, trieben die Menschen dazu, nach ausserordentlichen reli-giösen Mitteln zu suchen, um die Gunst der Gottheit, die sich von ihremVolke abgewandt zu haben schien, wiederzugewinnen. Sühneriten und kost-spielige Brandopfer kamen daher mehr in Aufnahme, und nach der Abschaf-fung der einzelnen Höhenculte trat diese Neuerung noch mehr hervor durchden Gegensatz zu dem Verschwinden der gewöhnlicheren Formen des Opfers.Als noch jede locale Gemeinschaft ihre eigne Cultstätte hatte, galt dieRegel, dass jedes Tier, das zur Nahrung geschlachtet wurde, am Altar dar-gebracht werden sollte, und dass jedes Mahl, bei dem Fleisch dargeboten ward,den Charakter eines Opfermahles trug (Hos. 9, 4). Da die Menschen gewöhnlichvon Brot, Früchten und Milch lebten und Fleisch nur an Festtagen und Feier-tagen assen, so Hess sich diese Regel leicht so lange beobachten, als die localenHeiligtümer bestanden. Als es aber keinen Altar mehr gab, ausser in Jerusalem,konnte die Identität des Schlachtens und des Opfers nicht länger be-stehen ; nach dem deuteronomischen Gesetze ist es fortan jedermann gestattet,Haustiere überall zu schlachten und zu essen, vorausgesetzt, dass nur dasBlut — der alte Anteil des Gottes — auf den Erdboden ausgegossen wird 37 °.Als diese neue Bestimmung in Kraft trat, verloren die Menschen die Empfin-dung, dass aller Fleischgenuss seinem Wesen nach ein cultischer Akt war, undobgleich zu Jerusalem religiöse Mahle in strengem Sinne an den grossen Fest-tagen veranstaltet wurden, so verlor doch das Opfermahl notwendig viel vonseiner alten Bedeutung, und das volle Brandopfer schien in höherem Gradeheiligen Charakter zu haben als das zebah, bei dem die Menschen assen undtranken, wie sie es zu Hause thaten.
In alter Zeit lag aber das Uebergewicht nach einer andern Seite; das
opfer wurde ein gewisser Anteil offenbar nicht auf dem Altar verbrannt, sondern denPriestern zuerteilt (CIS. 165), wie beim hebräischen Sündopfer, das wahrscheinlich eineModification des Brandopfers war. Das b^O cblS, das neben bbs und nülJC in CIS. 165(aber nicht in CIS. 167) erscheint, ist kaum eine dritte, neben jenen beiden stehendeForm des Opfers. Die Herausgeber des CIS. betrachten es als eine Abart des Brand-opfers (holocaustum eucharisticum), was sich aber kaum mit ihrer eignen Herstellungvon Z. 11 oder mit dem Sinne des hebräischen tblä vereinigen lässt. Vielleicht ist es eingewöhnliches Opfer, das ein Brandopfer begleitet.
369) Dem zebali und minha: I. Sam. 3, 14. 26, 19. Noch mehr dem Holocaustum:Micha 6, 7.
370) Deut. 12, 15. 16; vergl. Lev. 17, 10 f. Das Fett der Eingeweide war auchseit alten Zeiten der Gottheit vorbehalten (I. Sam. 2, 16), daher war es zu essen ver-boten (Lev. 3, 17). Dieses Verbot bezog sich indes nicht auf das Fett, das an andernXörperteilen sass.
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