178 Sechstes Kapitel. Das Opfer.
für die Annahme sprechen, dass der Brauch, das Fleisch oder Fett des Opferszu verbrennen, ha einer anderen Gedankenreihe seinen Ursprung hat, soberuht das Feueropfer doch wesentlich auf der Idee, dass die Verbrennungdes Fleisches einfach eine Darbietung der Speise ist, die in wohlriechendemRauch eine verflüchtigte Form angenommen hat, und dass sich die Götter an demDufte statt an dem Stoffe des Opfers erquicken. Auch hier kann uns die Analogieder den Toten dargebrachten Gaben das Verständnis der Anschauung erleichtern.Bei den Griechen war es im siebenten Jahrhundert, wie uns die Erzählung vonPeriander und Melissa zeigt, eine neue Idee, dass die Toten von den mit ihnenbegrabenen Gaben keinen Gebrauch machen konnten, wenn sie nicht durchFeuer aufgelöst wurden S(i7 . Eine ähnliche Anschauung scheint sich mit demBrauche des Feueropfers verbunden zu haben, das wahrscheinlich schon inalter Zeit mit der Vorstellung zusammenhing, dass die Götter als aetherischeWesen in einem höheren Luftkreise lebten, zu dem der Rauch des Opfers induftenden Wolken emporstieg. Ebenso bezeichnet unter den sesshaften Se-miten das Vorwiegen der Brandopfer, die als Darbringung duftenden Rauchesgedeutet wurden, die Befestigung einer Anschauung von der Natur der Gottheit,die zwar nicht rein geistig, aber doch von den gröbsten, materialistischenZügen befreit ist.
III. Die Brandopfer.
Der Unterschied zwischen den Opfern, die dem Gotte ganz überlassenwurden und den Opfern, an denen der Gott und seine Verehrer gleicherweiseAnteil hatten, erfordert eine sorgsame Behandlung. In der jüngsten Gestaltdes hebräischen Cultus, wie sie im levitischen Gesetz vorliegt, ist der Unter-schied scharf hervorgehoben. Zur ersten Klasse gehören alle Speisopfer(minha), die, soweit sie nicht auf dem Altar verbrannt werden, für die Priesterbestimmt sind, und unter den Tieropfern die Sündopfer und die eigentlichenBrandopfer i]Mlü = liolocaustuni). Die Sündopfer aber waren keine vollen Brand-opfer, sondern der Teil, der nicht verbrannt wurde, fiel dem Priester anheim.Zur zweiten Klasse gehören hingegen die zebalßm oder selamlm (Sing. l"Oiund obf Arnos 5, 22), das heisst, alle gewöhnlichen Festopfer, Gelübde- undfreiwilligen Opfer, bei denen die Gottheit das Blut und das Fett an den innerenOrganen als Anteil erhielt, während der übrige Körper — nur die Entrichtunggewisser Pflichtanteile an den opfernden Priester war gefordert — den Verehrerndes Gottes überlassen blieb, um zu einem gemeinsamen Festmahl zu dienen 868 .
367) Her od. V, 9'2. Vergl. Joannes Lydus, De Mens. III, 27, wonach derZweck der Verbrennung des Toten ist, dass der Körper zugleich mit der Seele in denAether aufgeht.
368) Ursprünglich ist die allgemeinere Bezeichnung zebah, worin (wie im arabi-schen dibh) alles Schlachten von Tieren zur Nahrung einbegriffen ist, entsprechend der
Thatsache, dass in alter Zeit jedes Schlachten ein Opfer war. In späterer Zeit, alsSchlachten und Opfern nicht mehr identisch war, war der Begrif zeba)} nicht bestimmtgenug, um als ein technischer Ausdruck des Rituals gebraucht zu werden, und so kamder Ausdruck selamlm in einem weiteren Sinne als in der älteren Litteratur zur An-wendung.
In den Opfertarifen der Karthager scheinen die für ."DU und PDt entsprechendenAusdrücke bbo und HUlSt zu sein. Ersteres ist das althebräische T^S (Deut. 33, 10I. Sam. 7,9); flUlX ist etymologisch vollständig dunkel. Beim karthagischen Brand-