176 Sechstes Kapitel. Das Opfer.
der ihrer königlichen Würde entsprechende Schmnck an diesem festlichenTage angelegt werden (vergl. Hohesl. 3, 11). Ein Ausdruck der Gastfreund-schaft und ein Zeichen der Ehrung war es, einem Gaste das Haupt zu salben;es war die letzte Vervollständigung des einem Feste entsprechenden Schmuckes.So wurde der heilige Sbein oder das rohe Gottesbild, das Pausanias (X, 26, 6)beschreibt, von dem täglich Oel ausströmte, an jedem Feste mit Wolle be-kränzt. Wie wir sahen, bekleideten die Semiten bei festlichen Gelegenheitenihre heiligen Pfähle, und das gleiche thaten sie bei ihren Götterbildern (Ezech.16, 18). Bei alledem war der Brauch der Salbung ganz natürlich; so erfahrenwir, dass zu Medina in der letzten Zeit des arabischen Heidentums jemandseinen Hausgötzen, den ihm die Muslime beschmutzt hatten, wusch und ihnsodann salbte 3M . Aber ausserdem hatte derselbe Akt der Salbung eines heiligenSymbols eine religiöse Bedeutung. Das hebräische Wort für „salben" n ^£bedeutet eigentlich mit der Hand wischen oder streichen, was erforderlichwar, um die Haut mit der Salbe zu überziehen. Die Salbung des heiligenSymbols verbindet sich so mit der einfacheren, in Arabien allgemein ver-breiteten Form der Verehrung, indem man mit der Hand das Götterbild streichelte(tamassuh). Bei der Eidesleistung, die Ibn Hisäm p. 85 erzählt, tauchen dieParteien ihre Hände in Oel und streichen dann damit über die Ka'ba. Dieletzte Quelle der Anwendung vom Salben im Cultus werden wir im Zusam-menhang mit dem Tieropfer zu erörtern haben.
Die Verwendung des Blutes beim Opfer ist mit einer Reihe sehr wich-tiger ritueller Begriffe verknüpft, die auf der Anschauung beruhen, dass dasBlut der besondere Sitz des Lebens ist. Die ursprüngliche Auffassung aberwar, dass das am Altar dargebrachte Blut von der Gottheit getrunken werde.Ausser Psalm 50, 13 sind für den Bereich der Semiten direkte Zeugnisse dafürselten; die gewöhnlich dafür angeführte Autorität ist Maimonides, der be-richtet, dass' die Sabier das Blut als die Nahrung der Götter betrachteten.Ein so spätes Zeugnis würde kaum von Bedeutung sein, wenn es vereinzeltdastände; aber der Ausdruck in Ps. 50, 13 kann nicht rein rhetorisch seinund die gleiche Vorstellung tritt uns bei alten Völkern überall in der Weltentgegen 3G0 . Auch bildet dieses Opfer keine Ausnahme von der Regel, dassdie Opfergaben an die Götter nur aus Lebensmitteln des Menschen bestehensollen; denn manche barbarische Völker gemessen frisches Blut als Nahrungs-mittel und halten es für eine besondere Delikatesse SC1 .
359) lbn Hisäm, p. 303.
360) s. Tylor, Primitive Culture II, 346. Die von Jäküt, II, 882 erzählte Ge-schichte von dem Dämon am Tempel zu Riäm, dem Schüsseln mit Opferblut darge-bracht wurden, an denen er einen Anteil hatte, scheint jüdischen Ursprungs zu sein.Nach einem andern Bericht hatte dieser Dämon die Gestalt eines schwarzen Hundes(Ibn H i s ft m, p. 18 Z. 3).
361) Für Amerika s. B an er oft, Native Races, 1,55. 492. II, 344. Frisches Blutist bei allen Negervölkern am weissen Nil als Genussmittel sehr beliebt (Mamo, Reise,p. 79). Von den Kriegern der Massai wird es in Menge getrunken (Thomson, p. 430),ebenso von den Galla, wie mehrere Reisende bezeugen. Bei den Hottentotten ist dasreine Blut von Tieren den Frauen, aber nicht den Männern untersagt (Kolben, Stateof the Cape, I, 205. cf 203). Im letzten Falle sehen wir, dass das Blut eine heiligeSpeise ist. Ueber das Bluttrinken bei den Tataren s. Yule's Marco Polo, I, 254 unddie Anm. des Herausgebers. "Wo kein mineralisches Salz zur Speise gebraucht wird,ergänzt das Trinken des Bluts, wie Thomson bemerkt, einen wichtigen Bestandteil desOrganismus.