Libationen von Blut und Wein. 173
heiligen Steine am Heiligtum bestrichen wurden, so ist kaum anzunehmen, dassin der Form der Ragab-Ceremonie irgend etwas ganz Besonderes lag.
In den höher entwickelten Formen des semitischen Heidentums tretenOpferdarbringungen von der Art der Schaubrote nicht bemerkenswert hervor;die Vorstellung, dass die Götter in Wirklichkeit die in ihrem Heiligtum nieder-gelegten Lebensmittel verzehren, ist in der That zu roh, um ohne eine Neu-gestaltung über den barbarischen Culturzustand der Gemeinschaft hinaus be-stehen zu können. Die cultische Form konnte beibehalten werden, aber dieOpfergaben, über die der Gott selbst offenbar nicht verfügen kann, wurdenzu Einkünften der Priester, wie bei den Schaubroten, oder der Armen, wiebei dem Mehlopfer des Ukaisir. In solchen Fällen werden die Opfer that-s'ächlich von den Gästen der Gottheit genossen, aber der Gott selbst wird alsin vergeistigter und übersinnlicher Weise am Mahle teilnehmend gedacht. Esist von Interesse, die Ausgestaltung des Rituals zu verfolgen, die der Um-gestaltung der ursprünglichen Idee entspricht.
Libationen von Blut und Wein.
In den primitiveren Gestalten der semitischen Religion wird die Schwierig-keit der Vorstellung, dass die Gottheit wirklich die Speise geniesse, zum Teildurch die vorherrschende Anwendung von Libationen vermieden. Denn vonflüssigen Substanzen, die in die Erde sinken und verschwinden, kann manleichter annehmen, dass sie von der Gottheit verzehrt werden, als von wider-standsfähigeren Stoffen fester Art.
Das Trankopfer, das in den weiter entwickelten semitischen Cultus-formen nur von secundärer Bedeutung und im allgemeinen eine blosse Beigabezum Brandopfer ist, nimmt bei den Arabern eine hervorragende Stellung ein,zumal ihnen das Feueropfer unbekannt ist, ausser — wie wir sehen werden —beim Menschenopfer. Die typische Form ist die Libation von Blut als demTräger des Lebens des Opfers ; aber auch Milch, die im Cultus der Araber wieder Phoenicier zur Anwendung kam, ist unzweifelhaft als Trankopfer unterden Semiten sehr alt. Bei den gewöhnlichen arabischen Opfern galt das überden heiligen Stein ausgegossene Blut als Anteil des Gottes, während das Fleischganz von den Opfernden und ihren Gästen verzehrt wurde. Dass diese Artder Opferdarbringung in alter Zeit vorherrschte, ergiebt sich aus der That-sache, dass das Wort "|DJ „ausgiessen", das im Hebräischen das Ausgiesseneines Trankopfers bezeichnet, im Arabischen der allgemeine Terminus für einecultische Handlung ist 348 .
Im Cultus der Nordsemiten ist der bemerkenswerteste Zug beim Trank-opfer, das gewöhnlich aus Wein besteht, dass es auch dann nicht vom Feuerverzehrt wird, wenn es einem Brandopfer beigefügt wird. Die Griechen undRömer gössen den zum Opfer dienenden Wein über das Fleisch aus, die He-bräer behandelten ihn ebenso wie das Blut, indem sie ihn am Fusse des
348) [Die eigentlichen Opfer der heidnischen Araber heissen nusuk vom Aus-giessen des Blutes. Das Verbuni ^.wj hat im Arab. diese ursprüngliche concrete Be-deutung verloren und heisst heiligen, weihen, s. "Wellhausen, Heidentum-, p. 118.Anm. 1.]