172 Sechstes Kapitel. Das Opfer.
sich behielt, sondern es jedem überliess, der sich desselben bedienen mochte,oder dass er es — wie ein anderer Bericht lautet — Menschen und Tierenfreigab 344 . Im ganzen scheinen indes die sehr zuverlässigen Berichte über dasarabische Opfer zu bestätigen, dass der ursprüngliche Grundsatz, dass dieOpfernden wirklich von dem heiligen Fleische essen mussten, mit grosserStrenge innegehalten wurde 345 . Wellhausen ist indes zu der Annahme geneigt,dass der Brauch, Tiere zu schlachten und sie neben dem Altar liegen zu lassen,damit sie von wilden Tieren verzehrt würden, nicht auf gewisse cultische Aus-nahmen beschränkt war, sondern dass er in den 'atäir (Sing, 'atira) oder denjährlichen Opfern, die von den Arabern im Monat Ragab dargebracht wurden,allgemein vorherrschte; der Festmonat Ragab [dessen Opfer {^atäir) imIslam als heidnisch verworfen werden, Wellhausen, Heident. 2 p. 118,entspricht ursprünglich dem hebräischen Passahmonat (Abib, Msan) 34 °.Bemerkenswert ist, sagt Wellhausen, wie oft wir von den 'atäir, die rings umdas Altarbild liegen, vernehmen, und in dichterischen Vergleichen heisst esöfter von den Erschlagenen, dass sie wie die 'atäir auf dem Kampfplatz liegengelassen wurden 347 . Beim arabischen Opferbrauch liegt aber der Körper desOpfertiers natürlich auf dem Erdboden, neben dem heiligen Stein, bis dasBlut, das den Anteil des Gottes bildet, in den Gabgab, die Grube am Fussedes Steines, genossen ist, und bis die übrigen rituellen Vorschriften erfüllt sind.So konnte bei einem grossen Feste, an dem zahlreiche Tiere auf einmal ge-opfert wurden, die Scene wohl einem Schlachtfelde gleichen. Eine scheusslichereScene von einem Blutbade kann man sich in der That kaum vorstellen, alsden Anblick, der sich noch alljährlich am grossen Opfertage zu Minä bietet,wo der Erdboden buchstäblich mit zahllosen Tierleibern bedeckt ist. Es istmithin nicht nötig anzunehmen, dass die 'atäir im Ragab den Hyänen undGeiern überlassen wurden; und da der Name 'atira auch in weiterem Sinnevon jedem Opfertier gebraucht worden zu sein scheint, mit dessen Blut die
344) lbn Hisäm, p. 100, Z. 7; Tabari, I, 1078, Z. 4.
345) Das Zeugnis des N i 1 u s ist in diesem Zusammenhange sehr wichtig; dennder Abstand zwischen seiner Zeit und der ältesten einheimischen Ueberlieferung istkaum hinreichend, um die Entwickelung eines ausgedehnten Opfersystems ohne einOpfermahl zu ermöglichen.
t 346) W eilhausen, p. 94 f. [2. Aufl. 118 f.]. Um den Parallelismus zwischen
den Passahopfern und den Opfern im Opfermonat Ragab vollständig durchzuführen,
hat Wellhausen noch einen Beweis dafür vermisst, dass die 'atäir des Ragab und das Erst-lingsopfer in Zusammenhang zu bringen sind. Die Traditionswerke, z. B. B u c h ä r iVI, 207 (am Schlüsse des Kitäb al-'alcika) unterscheiden zwischen den Erstlingen ifara')und der 'atira; aber die Unterscheidung ist nicht scharf durchgeführt. Die Lexicabrauchen die Bezeichnung fara' nicht bloss für die Erstlinge, die geopfert werden, wennihr Fleisch noch dem Leim ähnlich ist, sondern auch für das Opfer eines alten Tieres,was der Scholiast zu Harith, Mu'allaka, v. 69 unter 'atira versteht.
Umgekehrt bezeichnet Lisän, VI, 210 die 'atira als einen Erstling (awwdlu mä
juntaff), der den Göttern geopfert wurde. Wenn wir diese Angaben bei der Verwirrung,die über den Gegenstand bei den spätem Arabern herrscht, unbedenklich annehmen
könnten, so würden wir darin eine Beziehung zwischen dem Ragab- und dem Erst-lingsopfer finden können.
347) Wellhausen, Heidentum p. 115; vergl. die dort angeführten Versepp. 16, 56. Die angeführten, dichterischen Vergleiche s. bei lbn Hisäm, 534, Z. 4.'Alkama VI, 3 (ed. A. Socin, 1867).