170 Sechstes Kapitel. Das Opfer.
trinkt (Ps. 50, 13), gegen die der Dichter von Psalm 50 entschieden protestiert,niemals ganz aus der alten technischen Sprache des priesterlichen Ritualsverschwunden, in der die Opfer als dttjk Di"6, die „Speise Gottes", bezeichnetwerden. Die Wurzel dieses Ausdrucks ist in demselben Vorstellungskreisezu suchen, dem auch Jothams Wort „der Wein, der Götter und Menschenerfreut" (Rieht. 9, 13) angehört. Doch wurde in den höher entwickeltenFormen des Heidentums der krasse Materialismus dieser Auffassung beim Brand-opfer umgestaltet durch die Lehre, dass die menschliche Nahrung in derGestalt wohlriechenden Rauches verflüchtigt und verfeinert werden müsse,bevor der Gott daran teil haben konnte. Diese Bemerkung führt uns zu demzweiten Punkte, den wir in Bezug auf das hebräische Opfer hervorgehobenhaben, nämlich zu dem Unterschiede zwischen Opfern, die bloss auf dem hei-ligen Tische vor der Gottheit niedergelegt wurden, und solchen, die auf demAltar durch Feuer verzehrt wurden.
IL Der Tisch mit den Schaubroten hat seine nächste Parallele in denlectistcmia des antiken Heidentums, wo ein mit Speisen besetzter Tisch nebendem Gottesbilde aufgestellt wurde. Solche Tafeln wurden auch im grossenTempel des Bei zu Babel aufgestellt 336 , und, wenn auf die Erzählung desgriechischen Danielbuches vom Bei und Drachen irgend welches Gewichtzu legen ist, so bestand der Volksglaube, dass der Gott das ihm herge-richtete Mahl wirklich verzehre 330 , ein Aberglaube, der seinen Grund sehrwohl in dem betrügerischen Uebereinkommen der Priester haben konnte, zumalda die Tafel im Innern des Tempels aufgestellt war. Eine weit primitivereForm der gleichen Art von Opferdarbringung erscheint in Arabien, wo alsOpfer für den Gott Ükaisir einige Handvoll Mehl, die mit Haaren des Ver-ehrers untermischt sind, vor dem Gottesbilde hingeworfen wurden 33? , und woMilch über heilige Steine ausgegossen ward. Eine Erzählung von etwas apo-krypher Färbung, die Sprenger ohne eine Bemerkung über ihre Glaubwürdigkeitzu machen mitteilt 338 , berichtet, dass im Cultus der l Amm-anas in SüdarabienHekatomben geschlachtet und den wilden Tieren zum Auffressen überlassenwurden. Daran kann, wenn man von der Uebertreibung absieht, etwas wahressein; denn der Gedanke, dass die wilden Tiere Gäste oder Schützlinge desGottes sind, ist der arabischen Anschauung nicht fremd 339 , und die Tiere zu
335) Herodot, I, 181, 183. Diodor. Sicul, II, 9, 7.
336) Soweit die Erzählung überhaupt in dem wirklich lebenden Aberglauben eineGrundlage hat, ist sie vielleicht aus dem ägyptischen Glauben entnommen; in solchenDingen aber standen sich Babylonien und Aegypten sehr nahe (Herod. 1, 182).
337) Das Gleiche gilt auch bei andern arabischen Mehlopfern, z. B. bei demWeizen und der Gerste, die dem Al-Hulasa geopfert wurden (Azräki, p. 78). Da dieTaube der heilige Vogel in Mekka war, so scheint die Benennung „mut'im al-tair" p=„der die Vögel füttert", die von einem auf dem Marwa stehenden Gottesbild gebrauchtwird (ibid.), eher Mehlopfer als tierische Opfer zu bezeichnen, die man vor dem Gotteliegen liess. Das „ Gottesbild", das aus hais hergestellt war, d. h. aus einer Masse vonDatteln, die mit Butter und saurer Müch zusammengeknetet war, das von den Banu Hanifazur Zeit der Hungersnot aufgegessen wurde (s. die Lexica s. v. RcLö, Ibn Kuteiba, ed.Wüstenfeld. p. 299; Al-Birüni, Chronologie p. 210) gehörte wahrscheinlich zu jener weit-verbreiteten Art von Brotspenden, denen die rohe Gestalt eines Bildes gegeben wurdeund die sacramentaliter verzehrt wurden (s. Liebrecht, Zur Volkskunde, p. 436; ZDMG.XXX, 539).
338) Leben Mohammeds III, 457.
339) S. oben S. 103 ff. und den Gottesnamen Mut'im al-tair in der vorigen Anmer-