166 Sechstes Kapitel. Das Opfer.
wurden von den Hebräern zwar gegessen, aber nicht geopfert; aus Deut. 12, 16können wir den Sehluss ziehen, dass dies ein altes Gesetz war. Ebenso galteine Gazelle bei den Arabern als ein unvollkommenes Opfer, als ein minder-wertiger Ersatz für ein Schaf 321 . Was die Vögel anlangt, so lässt das levi-tische Gesetz Tauben und Turteltauben zu, aber nur als Holocaustum (kälil)und bei bestimmten Reinigungsgebräuchen 322 . Auch in den karthagischenOpferlisten werden Vögel erwähnt; was indes über sie bestimmt ward, ist ganzunbekannt; wahrscheinlich würde sich auch hier ergeben, dass sie entweder alsgewöhnliche Opfer oder für besondere Zwecke der Sühne oder des Orakelszur Verwendung kamen. Dass die Wachtel dem Baal von Tyrus geopfertwurde, ergiebt sich aus Athenäus IX, 47, p. 392 d.
Fische wurden von den Israeliten zwar gegessen, aber nicht geopfert.Bei ihren heidnischen Nachbarn waren jedoch Fische — oder gewisse Artenvon Fischen — als Nahrungsmittel untersagt und nur in Ausnahmefällenwurden sie als Opfer dargebracht.
Bei den hebräischen Opfern bildeten als Stoffe aus dem PflanzenreicheMehl, Wein und Oel den Hauptbestandteil 323 , wie sie auch die wichtigstenvegetabilischen Bestandteile der menschlichen Nahrung waren (Psalm 104, 4f.).In den Ländern, wo die Olive heimisch ist, nimmt das Oel die gleiche Stellungein, die bei nördlicheren Völkern Butter und andere tierische Fette haben.Demgemäss war es bei den Hebräern, und wahrscheinlich ebenso beiden Phoeniciern 324 , üblich, ein Mehlopfer mit Oel anzumachen, bevor esauf dem Altar dargebracht wurde, wie es dem Brauche bei einem gewöhnlichenMahl entsprach. Ebenso war ein Mehlopfer nicht ohne Salz vollständig(Lev. 2, 13), das aus physiologischen Gründen für das Leben aller derer not-wendig ist, die auf Pflanzennahrung angewiesen sind, während es bei Völkern,die ausschliesslich von Fleisch und Milch leben, nicht unentbehrlich ist undthatsächlich oft nicht gebraucht wird. Der Wein, der nach der Parabel Jothams„Götter und Menschen erfreut" (Rieht. 9, 13), wurde dem vollen Brandopferhinzugefügt, sowie dem Opfer eines Tieres, an dessen Fleisch die Verehrer einenAnteil hatten (Num. 15, 5). Die Verwendung des Weins beim Opfer, ohne
321) s. Wellhausen, Heidentum p. 112 [2. Aufl. 115]. Härith, Mu'all. v. 69,besonders Lis an, VI, 211. Die Gründe für diese Bestimmung sowie bestimmte Aus-nahmen werden uns später entgegentreten.
322) Lev. 1, 14. 12, 6. 8. 14, 22. 15, 14. 29.- Num. 6, 10. Zwei Vögel, von deneneiner getötet wird, und dessen Blut zur Reinigung gebraucht wird, erscheinen auch indem Ritual zur Reinigung eines Aussätzigen oder eines Hauses, das von Aussatz be-fallen ist (Lev. 14, 4 f., 49 f.). Die Turteltaube und eine junge Taube erscheinen beieiner alten Ceremonie des Bündnissschlusses (Gen. 15, 9 ff.). Die Thatsache, dass dieTaube von den Hebräern nicht zu irgend einem gewöhnlichen Opfer verwendet wurde,kann in ihrem Ursprung nicht unabhängig sein von dem sacrosaneten Charakter, derin der Religion der heidnischen Semiten der Taube allgemein zugeschrieben wurde(L u c i a n, De dea Syria, 54. T i b u 11, I, 7, 18). In Palästina war die Taube den Phö-niciern und Philistern heilig; auf diesem Glauben beruht die Anschuldigung, die häufigvon den Juden gegen die Samaritaner erhoben wurde, dass sie Taubenanbeter seien(s. Bochardt, Hierozoi'con, II, I, 1). Ja, heilige Tauben, die nicht verletzt werdendürfen, finden sich auch in Mekka. In den gesetzlichen Bestimmungen war die Taubefür die Hebräer natürlich ein „reiner" Vogel; aber es ist auffallend, dass wir sie imAT. niemals als ein Lebensmittel erwähnt finden, auch nicht I. Kön. 5, 2 ff., obwohl sieheute überall im Orient zu den Vögeln gehört, die ganz gewöhnlich gegessen werden.
323) Vergl. Micha 6, 7 mit Lev. 2, 1 ff.
324) In der Inschrift CIS. No. 165, Z. 14 ist b^2 mit Hülfe von Lev. 7, 10 zu er-klären und von Brot oder Mehl zu verstehen, das mit Oel angefeuchtet ist.