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Die Religion der Semiten
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164 Sechstes Kapitel. Das Opfer.

sie nicht zu der alten Gestalt der Volksreligion zurück. Sie erbauten zwareinen Altar und stellten den Cultus nach Massgabe der alten Ueberlieferungwieder her, soweit dies mit den prophetischen Forderungen und dem deute-ronomischen Gesetze vereinbar war ganz besonders mit dem Grundsatz,dass es nur ein legitimes Heiligtum gab, an dem ein Opfer dargebrachtwerden konnte. Gerade dieser Grundsatz aber hob die alte Bedeutung desOpfers auf, sofern es das feststehende Mittel des Verkehrs zwischen Gott undMensch war. In alter Zeit hatte jede Stadt ihren Altar, und ein Besuch andem localen Heiligtum war ein ebenso leichtes wie naheliegendes Verfahren,um jedem bedeutsamen Akte des Lebens die religiöse Weihe zu geben. Unterdem neuen Cultusgesetz war eine derartige Eingliederung des Opferdienstesin die Religion des täglichen Lebens nicht mehr möglich, und niemals wurdeauch derartiges versucht. Der Cultus des zweiten Tempels war eine demAltertum nachgebildete Wiedererweckung von äusseren Formen, die ihre innereBeziehung zum volkstümlichen Leben und damit ihre ursprüngliche Bedeutungzum grössten Teil verloren hatten. Das Buch Leviticus bietet uns trotz allerFülle cultischer Einzelheiten keine deutliche Vorstellung von der Bedeutung,die der Altardienst in der alten Religion hatte, wo sich der ganze Cultus imOpfer darstellte. In manchen Einzelheiten ist auch Grund zu der Annahme,dass der Wunsch, alles Heidnische zu vermeiden, die Notwendigkeit, für dieneuen religiösen Anschauungen einen Ausdruck zu finden, endlich das sichimmer stärker geltend machende Bestreben, das gewöhnliche Volk vom Altai-möglichst fem zu halten und das Opfer zu einem Geschäft des Priesterstandeszu machen,«in den Cultus Riten eingeführt hatte, die dem älteren religiösenBrauche fremd waren.

Die drei Hauptformen des Opfers, die das levitische Gesetz anerkennt,sind das volle Brandopfer (n^n, holocaustum), das mit einer Opfermahlzeit ver-bundene Opfer, wobei das Fleisch des Opfertieres den Hauptteil des Mahlesbildete (chf , rn?) endlich das Sühnopfer, das in zwei Formen erscheint, als n^n(Sündopfer) und ni?X (Schuldopfer) 316 . Von diesen werden 'T?i? und n2i in denälteren Quellen häufig erwähnt, und zwar werden sie oft zusammen ge-nannt, als ob alle Tieropfer unter den einen oder den anderen Gesichtspunktfielen. Der Zweck des Opfers als Sühne für die Sünde ist also auch in derälteren Litteratur bekannt, besonders beim Brandopfer; aber von einer beson-deren Art des Opfers, die für diesen Zweck zur Anwendung kam, findet sichvor Ezechiels Zeit kaum eine Spur 310 . Aus den vorexilischen Quellen lassensich für die hebräischen Opfer folgende Unterschiede mit Sicherheit nachweisen:

1. Der Unterschied zwischen tierischen und vegetabilischen Opfern, n ?Iund nraa.

2. Der Unterschied zwischen Opfergaben, die vom Feuer verzehrt wur-den, und solchen, die nur auf dem heiligen Tisch niedergelegt wurden (dieSchaubrote).

315) [Ueber die theologischen Begriffe s. Smend, Alttestamentl. Religionsgesch.p. 320 ff. Marti, Gesch. der israel. Relig. \ p. 104 ff. 226 ff.].

316) S. Wellhausen, Prolegomena, Cap. II. Die hebräischen Bezeichnungender Arten der Opfer sind mit denen der karthagischen Opfertarife über die dem Priesterfür verschiedene Opferarten zu entrichtenden Abgaben zu vergleichen, s. CIS. I, No.165. 164. Jedoch ist der Einblick, den sie in das karthagische Opferwesen gewähren,so fragmentarisch, dass aus ihnen nicht viel zu gewinnen ist.