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Die Religion der Semiten
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Die levitischen Opfer. 163

dieses Problem ist nicht auf irgend eine Religion beschränkt; denn das Opferist bei allen Völkern des Altertums überall da, wo das religiöse Ritual eineirgendwie bemerkenswerte Entwickelung erlebt hat, von der gleichen Wich-tigkeit. Wir haben es also hier mit einer Institution zu thun, die durch dasWirken allgemeiner Ursachen ausgestaltet ist, wie sich solche in weitestemKreise und unter Verhältnissen, die in primitiven Zeiten allen Völkern derMenschheit gemeinsam sind, geltend machen. Eine Theorie des Opfers lediglichauf Grundlage des semitischen Beweismaterials zu entwickeln, würde ebensounwissenschaftlich wie irreführend sein. Indes ist es für unsere Zwecke zu-lässig, die für die semitischen Völker bezeugten Thatsachen in den Vordergrundzu rücken und sich auf die Opferbräuche anderer Völker nur soweit zu beziehen,als sie die Folgerungen, zu denen wir geführt worden sind, bestätigen odermodificieren. Nach einigen Seiten ist das semitische Beweismaterial für unsernGegenstand recht vollständig und durchsichtig, in andern Beziehungen hingegenist es fragmentarisch und nicht zu verstehen, ohne dass man, was über anderecultische Bräuche bekannt ist, heranzieht.

Die levitischen Opfer.

Ein besonders ungünstiger Umstand ist, dass die einzige systematischeAusgestaltung des semitischen Opferwesens, von der wir eine genaue Dar-stellung besitzen, die des zweiten Tempels in Jerusalem ist 314 ). Obgleichdas Ritual von Jerusalem, wie es im Leviticus dargestellt ist, unfraglich aufsehr alter Ueberlieferung beruht, die in eine Zeit zurückreicht,, wo in derForm zwischen den hebräischen Opferbräuchen und denen der benachbartenVölker kein wesentlicher Unterschied bestand, so datiert doch das uns vor-liegende System des Opferwesens aus einer Zeit, als das Opfer nicht mehrMittelpunkt und Inhalt des Cultus war. In der langen Zeit des babylonischenExils hatten die Juden, die dem Jahweglauben treu blieben, die Einsicht ge-wonnen, dass es ihnen möglich sei, sich ihrem Gotte auch ohne Opfercult undohne Opfergaben zu nahen. Als sie nach Kanaan zurückgekehrt waren, kehrten

314) Die bis ins einzelne ausgeführten Cultusgesetze des Pentateuch gehören demnachexilischen Werke an, das allgemein als derPriestercodex" bezeichnet wird, derals Gesetz der israelitischen Religion bei der Reform des Ezra angenommen wurde{444 v. Chr.). Zum Priestercodex gehört das Buch Leviticus nebst den verwandtenTeilen der mit ihm verbundenen Bücher: Exod. 2581, 3540 und Num. 110, 1519,2536 (mit einzelnen, nicht sehr beträchtlichen Ausnahmen). Mit dem Priestercodexist eine Darstellung der heiligen Geschichte von Adam bis Josua verbunden; einzelnecultische Bestimmungen finden sich auch in den geschichtlichen Bestandteilen desWerkes, besonders in Exod. 12, wo das Passahgesetz wesentlich priesterlicher Herkunftist und den nachexilischen Brauch darstellt. Das Gesetz des Deuteronomiums (aus dem7. Jahrh. v. Chr.) und die älteren Rechtsquellen Exod. 2023, 34 haben über die Regelndes Rituals wenig Angaben zu machen, da diese in älteren Zeiten Gegenstand derpriesterlichen Ueberlieferung, nicht aber einem Rechtsbuche eingefügt waren. Fürdie geschichtliche Auffassung der hebräischen Religion ist eine richtige Vorstellungvon der Reihenfolge und dem Zeitalter der einzelnen Teile des Pentateuch ganz we-sentlich. Die nähere Begründung und Darstellung dieser quellengeschichtlichen Ver-hältnisse gehört der alttestamentlichen Einleitungswissenschaft an. Verwiesen sei dafürauf Well hausen, Prolegomena zur Gesch. Israels und Judas. 4. Aufl. M. Robert-son Smith, Das alte Testament, seine Ueberlieferung und Entstehung, deutsch von J.W. Rothstein (Preiburg, 1894). S. R. Driver, Einleitung in die Litteratur des altenTestam., deutsch von J. W. Rothstein (Berlin, 1896). H. C. Cornill, Einleitung indas alte Testament. E. Kautzsch, Abriss der Geschichte des alttest. Schrifttums (inden Beilagen zur Uebersetzung des AT. u. separat. Freiburg, 1897).

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