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Die Religion der Semiten
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Der Ursprung der heiligen Steine. 161

dieser Brauch? Lucian meint, Aiovuaw acpeag xat xaSe toieslv, ohne zu wissen,weshalb sie es thun. Die Einheimischen selbst haben zwei Deutungen dafür:entweder dass die oben Stehenden bei der ausserordentlichen Höhe der Säulen(etwa 30 Klafter) in nahen Verkehr mit der Gottheit treten und für ganzSyrien Heil erbitten, oder dass der Brauch eine Erinnerung an die Flut ist,als die Menschen durch Furcht dazu getrieben wurden, auf Bäume und Bergezu steigen. Aus diesen Angaben irgendwie den Charakter als Phallussymbolzu erschliessen, dürfte nicht leicht sein.

Ausserdem führt Movers (1,680) noch die Angabe des Arnobius,Adv. Gentes, V, 19 (p. 212) an, dass phalli als Zeichen der Gnade der Gott-heit den Priestern im Geheimcult der kyprischen Venus gegeben wurden. Aberdie Verwendung des Phallus als Amulet ein im Altertum sehr weit ver-breiteter Brauch kann auf den Ursprung der heiligen Steine kein Licht werfen.

In der That ist alles, was Movers für die Phallustheorie an Beweisenbeigebracht hat, rein phantastisch und hat als eine Erklärung des Ursprungsder heiligen Steine nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für sich. DieMenschen begannen nicht mit der Verehrung von Sinnbildern göttlicher Mächte,sondern brachten ihre Verehrung und ihre Gaben dem Gotte selbst dar. Wennder Gott bereits in einem Steine gegenwärtig gedacht wurde, so war es einenaturgemässe Ausübung der künstlerischen Befähigung, dem Steine irgend einMerkmal zu verleihen, durch das diese Thatsache ausgedrückt wurde. Wennman dem Gotte eine menschliche Gestalt beilegte, so konnte es in der Aus-gestaltung zu einer menschlichen Figur geschehen, oder es wurden wenigstensdie wichtigsten Teile der menschlichen Gestalt andeutend dargestellt. Sowurde zu Tabäla in Arabien auf dem Steine der Al-Lät eine Art Krone einge-meisselt, um den Kopf zu bezeichnen. In gleicher Weise können andereKörperteile roh angedeutet sein, besonders die für das Geschlecht bezeichnen-den. Dass aber der heilige Pfeiler an sich kein sexuelles Symbol ist, ergiebtsich aus der Thatsache, dass genau die gleiche Form von Säulen unterschiedsloszur Darstellung von Göttern und Göttinnen angewandt wird.

Es scheint demnach, dass die Wahl eines Steinpfeilers oder eines Stein-haufens als primitiven Idols durch keinerlei weitere Erwägungen bestimmt wurdeals nur durch die Zweckmässigkeit für cultische Bräuche. Der Stein oder derSteinhaufen war ein bequemes Merkzeichen der eigentlichen Opferstätte undschuf zugleich, wenn die Gottheit bereit war, an ihr gegenwärtig zu sein,die Möglichkeit zur Ausführung des mit dem Opferblut vollzogenen Rituals.Wir müssen uns deshalb zunächst der Frage zuwenden, weshalb es so wesent-lich war, das Blut in unmittelbare Berührung mit dem angebeteten Gotte zubringen 313 .

313) Hier mögen noch zwei vereinzelte Angaben erwähnt werden, "die nicht wichtigoder nicht sicher genug bestätigt sind, um im Texte verwertet zu werden. Plinius, Hist.nat. 37, 161 erwähnt ein Gottesgericht am Tempel des Melkarth zu Tyrus; er giebt beidem (uns unbekannten) Edelstein Eusebes an:Eusebes ex eo lapide est, quotraditurin Tyro Herculis templo facta sedes, ex qua pii facile surgebant". Eine ganzseltsame Geschichte erzählt Jäküt, III, 760 von einem Stein bei Aleppo von der Artder Grenzsteine. Wenn er umgestossen wurde, so wurden die Weiber der benachbartenDörfer von Raserei ergriffen, die wieder wich, wenn er aufgerichtet wurde. Jäküt hattedafür eine formell genau ausgefertigte Bestätigung von Leuten, die er nennt; er hat esaber unterlassen, eine Bestätigung der Sache durch persönliche Nachforschung in Aleppozu gewinnen.

Smith, Religion. 11