160 Fünftes Kapitel. Natürliche und künstliche Cultusstätten etc.
Die angebliche Bedeutung der heiligen Pfeiler undSäulen als Phallussymbole.
Eine andere Auffassung der heiligen Säulen und Spitzpfeiler hält siefür Abbilder, nicht der Gottheit, sondern einzelner körperlicher Organe, dieals Sinnbilder ihrer besonderen Gewalt oder als Attribute der Gottheit, be-sonders der lebengebenden und erzeugenden Kraft, angesehen werden. Wirmüssen auf diese Theorie eingehen, indem wir fragen, ob sie den Ursprungder heiligen Steine zu erklären vermag.
Die Ansicht, dass die heiligen Pfeiler und Säulen der Semiten Phallus-symbole seien, geht auf Movers zurück ; der Beweis für diese Theorie ist indesder denkbar schwächste. Für die vorhellenistische Zeit stützt sich Moversauf I. Kön. 15, 3. IL Chron. 15, 16, indem er ns^Bö nach der Vulgata als„ simulacrum Priapi" auffasst; das ist aber eine blosse Vermutung, die in denanderen Uebersetzimgen keinen Anhalt hat [LXX: etScoXov]: Ausserdemberuft er sich auf Hes. 16, 17, was sich aber ganz offenbar nicht auf denPhalluscult, sondern auf Bilder der Baallm bezieht (vergl. Hos. 2, 10). Einigeneuere Erklärer nehmen an, dass in Jes. 57, 8 T „Hand" die Bedeutung„Phallus" habe. Das ist ganz und gar nur Vermutung; und selbst, wennsie sicher wäre, würde der Gebrauch von T im Sinne von Pfeiler, Merk-säule immer noch der Erklärung bedürfen, nicht dadurch, dass man in jedemMale oder Wegstein einen als Säule errichteten Phallus sieht, sondern ausdem offen vorliegenden Symbol, das in der Bezeichnung als „Fingersäule" liegt.Die phoenicischen Spitzsäulen, die der Tanith oder dem Baal-Hammän geweihtwaren, zeigen oft eine auf ihnen abgebildete Hand, und zwar eine wirklicheHand, nicht aber einen Phallus.
In alten Zeiten wurden obscöne Symbole unbedenklich zur Bezeichnungdes Geschlechts gebraucht, und weibliche Symbole finden sich in manchen phöni-cischen Höhlen in die Felswand eingeritzt. Herodot II, 106 sagt, dass er inPalästina Syria (d. h. in Phoenicien) Stelen mit den ^v>va\.%hc, odSolü sah, vermut-lich masseboth, die weiblichen Gottheiten geweiht waren. Es ist aber nicht er-sichtlich, wie dies die Annahme begründen kann, dass die masseba das avopögaldpZov darstelle. Die Phallustheorie scheitert schon daran, dass die massebamännliche und weibliche Gottheiten darstellt. In späterer Zeit werden die beidengrossen Säulen, die in den Propyläen des Tempels zu Hierapolis standen, vonLucian (De dea Syria 16) phalli genannt. Solche Doppelpfeiler sind beisemitischen Tempeln etwas sehr häufiges: auch im Tempel zu Jerusalem gabes solche; sie erscheinen ferner auf Münzen, die den Tempel von Paphosdarstellen, sodass das Zeugnis des Lucian als bedeutsam erscheint, zumal daer berichtet, dass sie eine Inschrift trugen des Inhalts : „ Diese phalli wurdenvon Dionysus seiner Mutter Hera errichtet." Diese Inschrift scheint abergriechisch gewesen zu sein; sie würde also nur beweisen, dass die Griechen,denen die Phallussymbole im Dionysuscult vertraut waren, ihre eigene Deutungauf die Säulen setzten. Aus Lucian selbst (Dea Syria 28) erhellt auch deutlich,dass die Bedeutung und Verwendung der beiden Säulen eine offene Frage war.Lucian erzählt hier, dass der Brauch bestand, dass jemand jährlich zweimaldie eine Säule bestieg und dort oben eine Woche verweilte — wie es auchdie christlichen Säulenheiligen in derselben Gegend thaten. Was bedeutet