158 Fünftes Kapitel. Natürliche und künstliche Cultusstätten etc.
Muhammad Abbilder, die eine Gestalt wiedergaben, wie sie im zweiten Geboterwähnt werden, hauptsächlich kleine Götter für den Privatcultus waren. Dennfür die öffentlichen Heiligtümer genügte die Säule oder Asera S08 .
Heilige Steine und der Fetischcultus.
Die Verehrung heiliger Steine ist oft als eine unverkennbar niedrige Formder Religion gegenüber der Verehrung von Bildern betrachtet worden. Manhat sie als Fetischismus bezeichnet, ein wissenschaftlich unzulänglicher, populärerAusdruck, der überhaupt keinen scharf bestimmten Inhalt hat, und mit demman nur die unbestimmte Vorstellung von etwas ganz rohem und tiefstehendemverbindet. Vom künstlerischen Gesichtspunkt aus ist freilich der Cultus unge-stalteter Steine seiner Form nach eine tiefstehende Erscheinung, hinsichtlichseines religiösen Gehaltes hingegen ist kaum ersichtlich, dass er auf einertieferen Stufe als der Bilderdienst steht. Die Hostie bei der Messe steht reinkünstlerisch ebenso sehr hinter der Venus von Melos zurück wie die semitischeMasseba; niemand aber wird darum behaupten, dass das Christentum desMittelalters eine niedrigere Form der Religion als der Aphroditecult ist. Wennheilige Steine als Fetische bezeichnet werden, so scheint darin die Vorstellungzu liegen, dass sie aus einer Zeit stammen, in der die Steine noch als natürlicheVerkörperung oder eigentliche Gestalt der Götter betrachtet wurden, nicht nurals die Verkörperung, die sie annahmen, um die Verehrung ihrer Anhängerentgegenzunehmen. Diese Annahme entbehrt indes jeder Begründung. In derganzen Welt und in den religiösen Culten der verschiedensten Art finden sichheilige Steine; sie müssen mithin auf einer Ursache beruhen, die sich in allen pri-mitiven Religionen geltend machte. Dass aber alle oder doch die meisten altenGötter ursprünglich Steingötter waren, die natürliche Felsen oder grosse Felsblöckebewohnten, und dass die künstlichen Steinhaufen oder Säulen Nachbildungendieser natürlichen Objektewaren, ist mit den vorliegenden Thatsachen unvereinbarund völlig unglaublich. Unter den Semiten ist die heilige Säule allgemeinverbreitet; aber die Beispiele für den Cultus von Felsen oder Steinen, die inihrer ursprünglichen Lage beharren, sind weder zahlreich noch sehr hervor-tretend, sodass kaum jemand eine Theorie über den Ursprung der heiligenSteine im allgemeinen auf sie wird begründen wollen, ausser bei der völliggrundlosen Voraussetzung, dass das Gottesbild oder Sj^mbol der Gottheit ähnlichgewesen sein muss 309 .
308) Von dem allgemeinen Gebrauch solcher Götter enthält jedes Museum Be-weise in Gestalt tragbarer Götterbilder oder Amulette mit geschnitzten Bildern. Vergl.IL Macc. 12, 40, wo wir lesen, dass viele aus dem Heere des Judas Maccabäus — dieJuden kämpften gegen das Heidentum — unter ihren Panzern „Espwjiaxa töjv &ko 'Iap.-vsiag sEScoXcuv trugen".
309) Der Stein der 'Al-Lät bei Tä'if, in dem die Göttin wohnend gedacht wurde,wird von der localen Ueberlieferung mit einem anscheinend in seiner ursprünglichenLage befindlichen Felsblock identifiziert, obgleich dieser nach Lage und Gestalt nichtsungewöhnliches bietet. S. Kinship, p. 293 und Doughty, II, 515. Zu 'Ukäz wurde der
heilige Umlauf um Felsen herum verrichtet (suhür, Jäküt, III, 705), vermutlich die auf-fallende Gruppe, die ich 1880 sah und in einem Brief (in Scottman's Newpaper) be-schrieben habe: „In der Südwest-Ecke einer kleinen Ebene, die kaum zwei Meilen imDurchmesser hat, erhebt sich ein Haufe loser Granitblöcke, der von einer ungeheurenSäule überragt wird, die ganz aufrecht steht und von niedrigeren Massen flankiert wird.Mir scheint, dass diese Säule kaum weniger als 50—60 Fuss hoch ist, und ihr unge-