Altäre und heilige Steine. I57
kaum eine Schwierigkeit. Wenn wir von einem Götterbild reden, so denkenwir dabei in der Regel an eine bildliche Darstellung, die ein Abbild des Gottesgiebt, weil unsere Anschauung vom Heidentum hauptsächlich nach solchenVölkern gebildet ist, die in den plastischen Künsten erhebliche Fortschrittegemacht hatten und solche Götterbilder schufen, in denen die äussere Erscheinungund die Attribute, wie sie die Sage jeder Gottheit zuschrieb, zur Darstellungkamen. In der Natur der Sache aber liegt kein Grund, weshalb die physischeVerkörperung, die die Gottheit im Interesse ihrer Verehrer annimmt, ein Abbildihrer eignen Gestalt sein sollte, und in den ältesten Zeiten, in die der Cultusheiliger Steine zurückgeht, ist ersichtlich kein Versuch gemacht worden, dasGottesbild als ein Abbild zu gestalten. Ein Steinhaufe oder ein roher Stem-pfeiler sind überhaupt kein Abbild; und ich glaube, dass wir auf ganz falschemWege wären, wenn wir ihre Wahl als Symbol der Gottheit aus irgend einerBetrachtung darüber, wem sie etwa gleichen, zu erklären versuchten. Selbst alsdie Künste bereits eine bedeutende Entwicklung erfahren hatten, empfandendie Semiten nicht das Bedürfnis, ihre heiligen Symbole nach dem Ebenbildeder Götter zu gestalten. Melkarth wurde zu Tyrus unter dem Bilde zweierSteinsäulen verehrt 306 . In dem grossen Tempel zu Paphos war bis in dierömische Zeit hinein das Bild der Gottheit nicht ein Abbild der Astarte inmenschenähnlicher Gestalt, sondern ein kegelförmiger Stein 307 . Diese alter-tümlichen Formen wurden nicht etwa aus Mangel an plastischer Kunstfertigkeitbeibehalten oder weil es keine wohlbekannten Vorbilder gab, nach denenBildnisse der verschiedenen Gottheiten geschaffen werden konnten und oft auchgeschaffen wurden. Vielmehr ersehen wir aus dem zweiten Gebot (Ex. 20, 4),dass „Abbilder von dem, was droben im Himmel, oder unten auf der Erde,oder im Wasser unter der Erde ist" seit sehr alter Zeit unter den KanaaniternGegenstände cultischer Verehrung waren. Man hielt es einfach nicht fürnotwendig, dass das Symbol, in dem die Gottheit gegenwärtig war, auch derGestalt des Gottes glich.
Phönicische Votivsäulen sind öfter mit rohen bildlichen Darstellungenvon Menschen, Tieren und dergl. geschmückt, wie sie aus den Abbildungeneiner Reihe solcher Denkmäler, die der Tanith und dem Baal Hammän geweihtsind, im Corpus Inscriptionum Semiticarum Pars I. zu ersehen sind. DieFiguren, die oft kaum mehr als hieroglyphische Darstellungen sind, dienenebenso wie die begleitenden Inschriften dazu, die Bedeutung der Spitzsäule unddie Gottheit, der sie geweiht ist, anzuzeigen. In gleicher Weise bringt einAbbild seinen Zweck besser zum Ausdruck als eine blosse Steinsäule; aberdas Haupt-Gottesbild eines grossen Heiligtums erforderte nicht eine Deutungin dieser Weise; auch ohne bildliche Darstellung oder Inschrift zeigte seineAufstellung, was seine Bedeutung war. Es hat viel Wahrscheinlichkeit, dassunter den Phöniciern und Hebräern ebenso wie bei den Arabern zur Zeit des
306) Herod. II, 44. Zwei Säulen standen auch vor dem Tempel zu Paphos undHierapolis. Salomo liess vor dem Tempel zu Jerusalem zwei eherne Pfeüer errichten(I. Kön. 7, 15. 21). Da er sie „der Errichter" (Jakhin) und „in ihm ist Kraft" (Bo'az nennt),so waren sie unzweifelhaft Symbole Jahwes.
307) Tacitus, Hist. II, 2. Andere Beispiele sind der Kegel des Elagabalus zuEmesa (Herodian, V, 3, 5) und der des Zeus Casius. Näheres s. bei Zoega, Deobeliscis, p. 203. Von dem Kegel zu Emesa glaubte man, er sei vom Himmel gefallen,wie das Bild der Artemis von Ephesus und andere alte und sehr heilige Götterbüder.