156 Fünftes Kapitel. Natürliche und künstliche Cultusstätten etc.
sie nur durch Rückschlüsse und Vermutungen entschieden werden. Bei demgegenwärtigen Stand unserer Untersuchung können wir dieses Problem nurvorläufig berühren; einige Punkte indes, die wenigstens dazu dienen, das Problemschärfer zu bestimmen, mögen hier hervorgehoben werden.
Dabei sind denn zwei verschiedene Gesichtspunkte zu erwägen: 1. wiedie Menschen zu der Vorstellung kamen, dass ein künstlich errichteter Aufbaudas Symbol oder der Wohnsitz des Gottes sei; 2. warum dieser besonderekünstliche Aufbau ein Stein oder ein Steinhaufe ist.
I. Im Banmcultus oder im Cultus der Quellen wird einer Grösse Verehrungerwiesen, die der Mensch nicht geschaffen hat, die ein selbständiges Leben undsolche Eigenschaften hat, die der Vorstellung des Barbaren leicht als göttlicherscheinen. Nach Analogie dieser Erscheinung ist verständlich, dass auch Felsenund Blöcke, die durch ihre Grösse oder ihre Gestalt auf die rohe Phantasiewirken, in verschiedenen Gebieten der Erde die Geltung beseelter Wesengewonnen haben, die die Macht besitzen, dem Menschen zu helfen oder zuschaden und so dazu gelangt sind, religiöse Verehrung zu geniessen. Eine davongänzlich verschiedene Erscheinung ist aber der Cultus künstlicher Säulen oderSteinhaufen, die aufs Geratewohl erwählt und von menschlicher Hand errichtetsind. Natürlich glaubt auch der roheste Wilde nicht, dass er, wenn er einen hei-ligen Stein aufrichtet, damit einen neuen Gott schafft. Vielmehr ist sein Glaubeder, dass der Gott in den Stein kommt, in ihm wohnt oder ihn beseelt, sodassfür praktische Zwecke der Stein als Verkörperung der Gottheit gilt undangeredet und behandelt werden kann, als ob er der Gott selbst wäre. Esmacht aber einen tiefgehenden Unterschied, ob man die Gottheit in ihrer natür-lichen Verkörperung, wie in einem Baum oder irgend einem merkwürdigenFelsen, verehrt, oder ob man sie veranlasst, in einen Bau, der ihr von demVerehrer errichtet ist, einzugehen und ihn als ihre Verkörperung anzunehmen.Vom metaphysischen Gesichtspunkte aus, den wir antiken Religionen gegenübergeltend zu machen stets geneigt sind, scheint der Cultus von Pfählen undSteinen, die vom Menschen hergerichtet sind, weit roher zu sein als die Ver-ehrung des natürlichen Lebens, wie es sich in einer Quelle oder einem altenBaume äussert. Thatsächlich aber schliesst die Vorstellung, dass die Gottheiteinwilligt, in einem Bau, der ihr von ihren Verehrern errichtet ist, anwesendzu sein, einen Grad der Vertraulichkeit und Festigkeit der Beziehungen zwischendem Menschen und dem Wesen, das er anbetet, ein, der einen Fortschritt überdie Verehrung der Naturobjecte bezeichnet. Sicher ist, dass das Gesetz dessemitischen Cultus darin liegt, dass das künstliche Symbol nur an einer Stätteerrichtet werden kann, die durch Zeichen der Anwesenheit der Gottheitbereits geheiligt ist. Aber der heilige Stein ist nicht bloss ein Zeichen, dasseine Stätte von der Gottheit häufig aufgesucht wird; er ist nicht minder einestetige Bürgschaft dafür, dass der Gott geneigt ist, an dieser Stätte zu denMenschen in feste Beziehungen zu treten und ihre Huldigung entgegenzunehmen.
IL Die Vorstellung, dass Gottheiten wie die des alten Heidentums, dienicht als allgegenwärtig gedacht wurden, und denen gewöhnlich irgend eineForm körperlichen Seins beigelegt wurde, zur Bequemlichkeit ihrer Verehrerin einem Steine ihren Aufenthalt nahmen, scheint für uns von fundamentalerSchwierigkeit zu sein; für das Empfinden des primitiven Menschen aber, dassein - dehnbare Vorstellungen von dem hatte, was möglich ist, bestand darin