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Die Religion der Semiten
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Altäre und heilige Steine. 155

wurde sie auf verschiedene Art künstlicher ausgestaltet, bis sie schliesslich zurStatue oder dem menschenähnlichen Steinbilde wurde, ebenso wie sich derheilige Baum oder Pfahl zuletzt zu einem Holzbilde entwickelte 803 .

Es ist eine umstrittene Frage, ob der heilige Stein bei den semitischenHeiligtümern von Anfang an ein Gegenstand cultischer Verehrung war, einrohes Gottesbild, in dem die Gottheit in irgend einer Weise als gegenwärtiggedacht wurde. Man hat besonders geltend gemacht, dass in den Erzählungender Genesis die Massebä ein blosses Merkzeichen ohne eigentliche religiöseBedeutung war. Indes kann die ursprüngliche Bedeutung der patriarchalischenSymbole nicht aus dem Sinne erschlossen werden, der ihnen von Schriftstellernbeigelegt wird, die um viele Jahrhunderte später als die Begründung dieseralten Heiligtümer lebten. Und zu der Zeit, wo die ältesten pentateuchischenBerichte aufgezeichnet wurden, betrachteten die Kanaaniter und die grosseMasse der Hebräer die Massebä sicher als ein Gottesbild oder als Verkörperungder Gegenwart der Gottheit. Ferner ist der von Jakob aufgerichtete Steinmehr als ein Markstein ; denn er wird, ebenso wie Götterbilder im Altertum,gesalbt, und der Stein selbst, nicht der Ort, an dem er steht, wirdHausGottes" (Bethel, Gen. 28, 22) genannt, wie wenn die Gottheit thatsächlichim Steine wohnend gedacht würde oder sich in ihm ihren Verehrern offenbarte.Diese Anschauung ist mit heiligen Steinen offenbar überall verknüpft gewesen,sein. Wenn die Araber den nusb mit Blut bestrichen, so lag darin die Tendenz,das Opfer in unmittelbare Berührung mit der Gottheit zu bringen; ebenso istder Brauch, den heiligen Stein mit der Hand zu streicheln, identisch mit derSitte, die Gewänder oder den Bart eines Mannes, indem man ihn anfleht, zuberühren oder zu streicheln 304 . Hier ist also der heilige Stein Altar undGottesbild zugleich; und so spricht auch Porphyrius in seinem Bericht überden Cultus von Duma in Arabien ausdrücklich von demAltar, der zugleichals ein Gottesbild dient" 30 °. Die gleiche Anschauung muss bei den Kanaaniterngeherrscht haben, bevor der Altar und die heilige Säule von einander unter-schieden wurden, da sonst die Säule einfach in die bequemere Form des Altarsumgestaltet worden wäre, und kein Grund vorgelegen hätte, beide nebeneinander beizubehalten. Nach dem Zeugnis der Ueberlieferung und des cul-tischen Rituals kann man nur zu der Annahme gelangen, dass der heilige Steindurch die ihm thatsächlich einwohnende Gottheit geweiht war, sodass, wer im-mer ihn berührte, mit der Gottheit in unmittelbaren Contact kam. Ein direktesZeugnis darüber, wie diese Vorstellung zuerst zur Geltung kam, steht unsnicht zu Gebote; wenn sich diese Frage überhaupt entscheiden lässt, so kann

303) Von diesem Gesichtspunkte aus steht das Verbot der Schnitzbilder ?DS im zweiten Gebot auf gleicher Stufe mit dem Verbot eines Altars aus behauenenSteinen (Exod. 20, 25).

304) Auch das Küssen von Götzenbildern (Hos. 13, 2. I. Kön. 19, 18) gehört hier-her ; in Arabien ist die gleiche Verehrung des heiligen Steines der Ka'ba ein altheidnischerBrauch, s. Wellhausen, Heident. p. 105 [109] u. 52 [56]. Andrerseits teilt eineheilige Person durch Berührung mit ihrer Hand eine Segnung mit (Ibn Sa'd, No. 90, 130)oder sogar durch Berührung eines Gegenstandes, den andere nach ihm berühren (Ihn

Hisäm, 338, 15). Die Heiligkeit ist ein Fluidum, das sich durch Berührung mitteilt.

305) In dem bekannten Verse des AI A' wird der Gott, dem der heilige Stein

geweiht ist, selbst als mansübaufgerichtet" bezeichnet (Ibn Hisäm, p. 256, 8;Morgenland. Forschungen, p.' 258.) Die arabischen Götter werden ausdrücklich Stein-götter genannt in einem Verse, der bei Ibn Sa'd, No. 118 angeführt ist.