Altäre und heilige Steine. 153
hebräischen Ritual lautet (Lev. 21, 8. 17; cf. Lev. 3, 11), und es besteht keinthatsächlicher Unterschied zwischen einem Tisch und einem Altar. In derThat wird bei den Hebräern der Brandopferaltar auch als der „Tisch Jahwes"bezeichnet, während umgekehrt der Tisch mit den Schaubroten ein Altar genanntwird 296 . Der Tisch ist indes kein sehr primitiver Gegenstand der Aus-stattung 297 . Schon dieser Umstand genügt, um uns die Vermutung nahe zulegen, dass der Altar ursprünglich nicht eine erhöhte Tafel war, auf der einOpfermahl vorgesetzt werden konnte. In Arabien, wo das Feueropfer unbekannt■ ist, finden wir keinen eigentlichen Altar, sondern statt dessen einen rohenSteinpfeiler oder einen Steinhaufen, neben dem das Opfertier geschlachtetwurde, während das Blut über den Stein oder an seinen Fuss ausgegossenwurde. Dieses Blutritual macht das Wesen des Opfers aus; von dem Fleischfällt in der Regel dem Grotte kein Anteil zu, sondern es wird ganz unter dieam Opfer Teilnehmenden verteilt. Die heiligen Steine, die bereits Herodot er-wähnt, heissen ansah (sing, nusb), d. h. aufgerichtete Steine, Säulen. Danebenfinden wir die Bezeichnung yarlj, „mit Blut bespritzt", aus Anlass des obenbeschriebenen Brauches. Der Sinn dieses religiösen Brauches wird uns späterbeschäftigen. Zunächst mag hier nur bemerkt werden, dass der Altar ledig-lich die weitere Ausgestaltung des arabischen nusb ist, und dass der rohearabische Brauch die primitive Form ist, aus der sich bei den höher culti-vierten Semiten der in allen Einzelheiten ausgestaltete Altarcultus entwickelthat. Was aber sonst immer im Zusammenhang mit dem Opfer geschah, derprimitive Ritus, dass man das Blut an den Altar sprengte oder es am Fussedesselben auf die Erde füessen liess, ist kaum jemals unterlassen worden 208 .Dieser Brauch war nicht den Semiten allein eigen, sondern ebenso bei denGriechen und Römern, wie bei den alten Völkern überhaupt, die Regel.
Betreffs der Feueropfer werden wir Gründe finden, um bezweifeln zu müssen,ob der Herd, auf dem das Opferfleisch verbrannt wurde, ursprünglich mit demheiligen Stehi oder Steinhaufen identisch war, über den man das Opferblutausgoss. Aus Gründen, die hier noch nicht zu erörtern sind, erscheint es alswahrscheinlich, dass die jüngere Gestalt des Altars, die für die cultischeVerwendung des Bluts sowohl wie als heiliger Herd zur Anwendung kommenkonnte, durch Verknüpfung zweier Handlungen, die ursprünglich eine besondereStelle einnahmen, entstanden ist. In jedem Falle aber ist sicher, dass unterden Nordsemiten wie unter den Arabern der ursprüngliche Altar ein grosserStein oder ein Steinhaufe war, auf den das Blut des Opfertiers ausgegossen wurde.Bei dem Vertrag zwischen Jakob und Laban erscheint kein anderer Altar alsder Steinhaufe, bei dem die den Vertrag schliessenden Parteien ein gemein-
296) Mal. 1, 7, 12. Hes. 41, 22; vergl. Wellhausen, Prolegomena, p. 69. Dasselbe Wort — "pi? — wird vom Decken eines Tisches und vom Auflegen der Opfer-stücke auf den Brandopferaltar gebraucht. [Lev. 1, 12.]
297) Das altarabische sufra ist nur ein auf dem Boden ausgebreitetes Pell, keinstehender Tisch.
298) Es gab in der That Altäre, auf denen man keine Tieropfer darbrachte.Solche sind bei den Hebräern der Weihrauchaltar und der Tisch mit den Schaubroten,bei den Phöniciern der Altar zu Paphos (T a c i t u s , Hist. II, 3i; vielleicht war auchder „Altar der Frommen" auf Delos phönicischen Ursprungs. (Porphyrius, De ab-stin. II, 28: „oüds 3-uojievou kn aüxoö £ij>ou EÜaeßtöv x£-//W]Tai. ßü)|i6c;".) In späteren Zeitenwurden gewisse aussergewöhnliche Opfer lebendig begraben oder ohne Blutvergiessengetötet. Das berührt aber das allgemeine Princip nicht.