152 Fünftes Kapitel. Natürliche und künstliche Cultusstätten etc.
mit seinen Altären und seinem besondern Ritual des sich in den Meerbusenergiessenden, fliessenden Wassers wurde zur Erinnerung an diese Errettung er-richtet 293 . Nach dem christlichen Apologeten Melito von Sardes war dieseSchlucht, oder, wie er sagt, „Brunnen", der Sitz eines Dämon und das Aus-giessen von Wasser sollte ihn hindern emporzukommen und den MenschenSchaden zuzufügen 294 . In diesem Falle ist die ursprüngliche Heiligkeit derSchlucht der unter allen Umgestaltungen und Entstellungen der späteren Sagefeststehende Zug. Und dem analog möchte ich annehmen, das auch in andernFällen eine Höhle oder Erdkluft als ursprüngliches Heiligtum gewählt wurde,weil sie den Ort bezeichneten, wo ein chthonischer Gott von seinem unter-irdischen Sitze mit der oberen Welt in Verbindung trat, wo man sich ihmauch am besten mit Gebeten und Opfergaben nahen konnte. Was diese An-nahme besonders unterstützt, ist die Thatsache, dass das Adyton, das dunkleinnere Gemach, das wir bei den Semiten wie Griechen in manchen Tempeln finden,seinem Ursprünge nach in den meisten Fällen sicher eine Höhle war. In derThat war es bei griechischen Heiligtümern oft ganz oder teilweise unter derErde gelegen ; seine Bezeichnung [leyapov kann in dieser Anwendung kaumein wirklich griechisches Wort sein und „ Halle" bedeuten; vielmehr ist es mitdem semitischen mtttt s.l*/> „Höhle" zu identifizieren. In griechischen Tem-peln ist das Adyton keine regelmässige Einrichtung; schon der Name uiyapovscheint zu bezeugen, dass es von den Semiten entlehnt ist 295 . Wo es sichfindet, ist es eine Orakelstätte, wie das Allerheiligste zu Jerusalem, und eskann deshalb nur als der Teil des Heiligtums angesehen werden, in dem dieGottheit am unmittelbarsten gegenwärtig ist.
Altäre und heilige Steine.
Wenden wir uns von diesem vielfach dunklen Gegenstand zur Betrachtungdes gewöhnlichen künstlichen Merkmals eines semitischen Heiligtums, näm-lich der Säule, des Steinhaufens oder rohen Altars, die zum Opfern dienten.Die heilige Quelle und der heilige Baum sind zwar die gewöhnlichen Symbolebei Heiligtümern; aber sie finden sich nicht beständig und überall; zu dem ge-wöhnlichen Ritual stehen sie meist auch nur in sekundärer Beziehung. In derhöher entwickelten Gestalt des Heiligtums ist die eigentliche Stätte, an der derMensch und sein Gott sich begegnen, der Altar. Der Altar ist in seiner aus-gebildeten Form ein erhöhter Bau, auf dem der Gottheit Opfer dargebrachtwerden. Die häufigsten Opfer sind Brandopfer, und der Altar ist die Stätte,wo sie verbrannt werden. In einem andern Ritual, für welches das römischeLectisternium und die hebräischen Schaubrote bekannte Beispiele sind, ist derAltar einfach der Tisch, auf dem der Gottheit ein Mahl vorgesetzt wird. ObFeuer zur Anwendung kommt oder nicht, ist eine Einzelheit in der Art derDarbringung; das Wesen des Opfers wird davon nicht berührt. In jedem Fallebesteht die Opfergabe in einer „Speise des Gottes", wie der Ausdruck im
293) Lucian, De clea Syria, 13 f. 48.
294) Melito bei Cureton, Spicileg. Syriac. p. 25.
295) Diese Möglichkeit kann kaum bestritten werden, wenn man an den Apollo-tempel auf Delos denkt, wo das ursprüngliche Heiligtum in der Höhle bestand. Dieswar eine Cultusstätte, die die Griechen von den Phöniciern übernahmen.