Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
151
Einzelbild herunterladen
 

Heilige Höhlen. 151

gewöhnlich mit den Heiligtümern verbunden war 288 . Aus gewichtigen Grün-den kann man indes bezweifeln, ob damit eine vollständige Erklärungder Höhlen als Heiligtümer gewonnen ist. In anderen Gebieten wie inGriechenland, finden sich manche Beispiele von Höhlen, die mit dem Cultuschthonischer Gottheiten in Zusammenhang standen, und ebenso mit Ora-keln von Göttern, z. B. des Apollo, der gewöhnlich nicht als chthonischeroder unterirdischer Gott betrachtet wurde. Die cultischen Handlungen indes,die in diesen Höhlen ausgeübt wurden, beweisen, dass sie als besondere Sitzeeiner göttlichen Macht galten. Die herrschende Meinung scheint zu sein, dassdie semitischen Götter niemals chthonische in dem Sinne waren, dass man ihreSitze und die Quelle ihres Einflusses als unterirdisch betrachtete. Aber wirwissen, dass alle semitischen Völker den Glauben an chthonische Dämonenhatten, die Hebräer an den l öb, die Syrer an die zalckure, die Araber an dieahl al-ard m , dieBewohner der Erde", mit denen Zauberer in Verbindungstanden. Andrerseits berühren sich die gewöhnlichen religiösen Gebräuche derSemiten in manchen Punkten mit den chtbonischen Cultnsbräuchen der Griechen.Die arabische gabgab ist nicht eine blosse Aufbewahrungsstätte von Schätzen,sondern es wird berichtet, dass das Opfer zu ihr gebracht wurde, und dasOpferblut in die Grube floss a9 °. In ähnlicher Weise wurde das alljährlicheMenschenopfer von Duma unter dem Altarbilde begraben 291 . Unter den Nord-semiten liegen chthonische Beziehungen unfraglich vor bei den Baalim als Götternder unterirdischen Gewässer, besonders bei Cultusstätten wie der zu Aphaka,wo neben dem heiligen Flusse das Grab des Baal gezeigt wurde. Denn einbegrabener Gott ist ein solcher, der unter der Erde seinen Wohnsitz hat. Dasnordsemitische Gebiet war mit heiligen Gräbern dicht bedeckt, mit Memnonia,Semiramishügeln und dergleichen, und an jedem derartigen Orte hatte ein Gottoder Halbgott seinen unterirdischen Wohnsitz 292 . Kein Zug der altsemitischenreligiösen Vorstellungen hatte sich dem Volksglauben so tief eingeprägt wiedieser, der sich trotz des Christentums und Islams in der Landbevölkerungnoch fest behauptet, indem die alten Götter nur dem Namen nach in wunder-thätige Scheichs oder Walis umgestaltet wurden. Im Hinblick auf diese That-sachen kann es kaum bezweifelt werden, dass auffallende Höhlen oder Gänge,die in das Innere der Erde führten, bei den Semiten ebenso sein' wie bei denGriechen als für übernatürliche Beziehungen besonders geeignet galten. Esgiebt wenigstens ein grosses semitisches Heiligtum, bei dem die Sage nochdeutlich zeigt, dass das ursprüngliche Heiligtum eine Kluft im Erdboden war.Nach Lucian verschlang diese Schlucht die Wasser der grossen Flut (der Flutdes Deukalion, wie die hellenisierte Form der Sage berichtet), und der Tempel

288) s. Wellhausen, Heident. p. 100. [2. Aufl. 103.]

289) Für den hebräischen ob vergl. besonders Jes. 29,4; für die eakkure, Ju-li a n o s, ed. G. Hofl'mann, p. 247 und ZDMG. 28, 666. Für die ahl al-ard ist die älteste

Stelle, die mir bekannt ist, IbnHisäm, p. 258, Z. 19 wo diese Dämonen in Verbindungmit Hexerei erscheinen, 'wie der üb und die zalckure.

290) Jäküt, III, 772 f.; Ibn Hiääm, p. 55, Z. 18. cf. Wellhausen, a. a. 0.

291) Porphyrius, De abstin. H, 56.

292) Dass die Semiramis-Hügel thatsächlich Grab-Heiligtümer waren, ergiebt sichaus dem Zeugnis des Ktesias, bei Syncellus, ed. Bonn. p. 119, und des Johannesvon Antiochia = Fragin. Hist. Graec. TV, 589; vergl. damit Langlois, Chron.de Michel le Grand (Venice, 1868), p. 40. S. noch meinen ArtikelCtesias and theSemiramis legend" in Engl. Histor. Review, 1887, April.