Bäume als Orakelstätten. 149
In betreff der besonderen Formen des Cultus, der heiligen Bäumen er-wiesen wurde, vermag ich den sehr dürftigen Spuren, die uns bereits begegnetsind, nichts sicheres hinzuzufügen. Es wurden an sie Gebete gerichtet, be-sonders um Hilfe in Krankheit, aber unfraglich auch um fruchtbare Zeiten unddergleichen. Sie wurden mit Opfergaben behängt, vorzüglich mit Gewändernund Schmuckgegenständen; vielleicht wurden sie auch gesalbt, als ob sie wirk-liche Personen wären. Etwas mehr lässt sich über den Gebrauch von Zweigen,Blättern und andern Teilen heiliger Bäume bei Reinigungsbräuchen als Heil-mittel oder für andere cultische Zwecke sagen. Doch sind diese Dinge füruns liier nicht von unmittelbarem Interesse; sie mögen hier nur als ein er-gänzendes Zeugnis dafür angeführt werden, dass eine heilige Kraft, d. h. eingöttliches Leben, auch den Teilen heiliger Bäume innewohnt.
Bäume als Orakelstätten.
Nur nach einer Seite scheint unser Gegenstand bereits hier eine besondereBemerkung zu erfordern, nämlich hinsichtlich der Verbindung von heiligenBäumen mit Orakeln und Wahrsagung. Orakel und Omina von heiligenBäumen oder an Baumcultus-Stätten sind unter allen Völkern sehr verbreitet 281und werden auf verschiedene Weise ermittelt: entweder durch Beobachtungvon Erscheinungen, die mit den Bäumen selbst zusammenhängen und als Offen-barungen des göttlichen Lebens gedacht werden, oder durch das gewöhnlicheVerfahren der Wahrsagung, das angesichts des heiligen Objekts geübt wird.Bisweilen glaubte man, dass ein Baum mit deutlich vernehmbarer Stimme rede,wie dem Muslim b. 'Ukba ein Garkastrauch im Traume zurief 282 . Aber esliegt auf der Hand, dass die Stimme eines Baumes, ausser im Traume, nur indem Rauschen vernommen werden kann, das etwa der Wind in seinen Zweigenhervorruft, wie ein solches Geräusch dem David als Zeichen gegeben wurde,dass der richtige Augenblick zum Angriff auf die Philister gekommen sei(II. Sam. 5, 26). Zur Deutung desselben ist aber ein Wahrsager unentbehr-lich. Der berühmte heilige Baum bei Sichern, der die Zauberer-Eiche genanntwurde (Rieht. 9, 37), und die Terebinthe More, d. h. Baum des Orakelgebers(Gen. 12, 6), müssen Stätten eines kanaanitischen Baumorakels gewesen sein 283 .Wir haben indes keine Andeutung über die Art der natürlichen Anzeichen,nach denen sich die Wahrsager richteten; auch habe ich noch kein Beispieleines semitischen Baumorakels gefunden, bei dem die Art des Verfahrens be-schrieben wäre. Aber der Glaube an Bäume als Stätten der göttlichen Offen-barung muss in Kanaan weit verbreitet gewesen sein. Die Prophetin Deboraerteilte ihre Antworten unter einer Palme bei Bethel, die nach der heiligenUeberlieferung das Grab der Amme der Rebekka bezeichnete 284 . Dass der künst-
281) Bötticher, a. a. 0. Cap. XL
282) Derselbe Glaube an Bäume, von denen aus ein Geist Orakel giebt, begegnetuns in einer modernen Legende bei Doughty, II, 209 [vergl. Wellbausen, Heiden-tum, 2. Aufl. p. 205].
283) Es war vielleicht nur ein Baum eines heiligen Haines; [denn Deut. 11, 30 istdie richtige Lesart mit den Septuag. „bei der Orakel-Terebinthe", wo der marsoreth.Text den Plural hat].
284) Der Baum wird allön genannt, was gewöhnlich mit Eiche übersetzt wird.Aber allön scheint ebenso wie eh~d und elön ein Name zu sein, der von jedem heiligen