148 Fünftes Kapitel. Natürliche und künstliche Cultusstätten etc.
man, dass auf den Zweigen des heiligen Oelbaumes zwischen den ambrosischenFelsen bei Tyrus Feuer erscheine, ohne ihr Laub zu versengen 278 . In gleicher-weise erschien Jahwe dem Mose im Busch in Feuerflammen, sodass derBusch zu brennen schien, aber nicht vom Feuer verzehrt wurde. DieselbeErscheinung wurde nach Julius Africanus 279 und Eustathius 280 bei der Tere-binthe zu Mamre gesehen. Der ganze Baum schien in Flammen zu stehen;sobald aber das Feuer verschwand, stand er wiederum unversehrt da. Wennan die Quelle unter dem heiligen Baum Lichter gesetzt wurden, und das Festzur Nachtzeit stattfand, so lag wohl nichts anderes als eine optische Täuschungvor, die durch abergläubische Einbildimg übertrieben wurde, und es war einekünstliche Vorrichtung, um einen alten Glauben, der im Zusammenhang mitheiligen Bäumen weit verbreitet war, aufrecht zu erhalten. Bemerkenswertist es, weil es zeigt, wie ein Baum heilig wurde, auch ohne zu dem Ackerbauund der natürlichen Fruchtbarkeit in Beziehung zu stehen. Jahwe, „der imDornbusch wohnt" (Deut. 33, 16) und in der dürren Wüste des Sinai seinenWohnsitz hat, war der Gott der Hebräer, so lange sie noch des Ackerbausunkundige Nomaden waren. Die ursprüngliche Heimat einer Vorstellung wiedie vom brennenden Busche, die in elektrischen Erscheinungen ihre physika-lische Grundlage haben muss, ist in der Tbat wahrscheinlich in dem reinen,trockenen Wüstenklima oder auf hohen Bergen zu suchen. Die ErscheinungJahwes im brennenden Busch gehört in den gleichen Vorstellungskreis wieseine Erscheinung unter Donner und Blitz auf dem Sinai.
Wenn die Offenbarung der Gottheit solche Formen wie die Flammenim Busch annimmt, so ist der Zusammenhang zwischen dem Gott und demäussern Symbol offenbar noch weit loser als in der Baal-Religion, in der das Lebender Gottheit auch dem Leben des Baumes innewohnt. Von der VorstellungDeut. 33, 16, wo Jahwe im Busch wohnt (nicht bloss in ihm erscheint), wiees sonst von ihm heisst, dass er im Tempel seinen Wohnsitz hat, ist einverhältnismässig leichter Uebergang zu der in den meisten Teilen des altenTestaments vorherrschenden Anschauung, dass der Baum oder die Säule aneinem Heiligtum lediglich ein Gedenkmai seines Namens, das Merkmal einerStätte ist, wo der Gott in der Vergangenheit gefunden wurde und auch künftigzu finden sein wird. Die Scheidung zwischen Jahwe und der physischen Natur,die von den Propheten scharf durchgeführt ist und einen der wesentlichstenPunkte bildet, in dem sich ihr Glaube von dem der Volksmasse unterschied,deren Jahwecultus alle wesentlichen Züge des Baalcultus trug, kami mit Rechtals eine weitere Entwickelung einer älteren Gestalt der hebräischen Religionbetrachtet werden. Man hat zuweilen angenommen, dass die Arier Gott alsder Natur immanent dachten, während der Gottesbegriff der Semiten trans-cendental sei. Aber die erstere Anschauung ist für den Baalcultus der Acker-bau treibenden Semiten durchaus ebenso charakteristisch, wie für die ältestenReligionen der Ackerbau treibenden Arier. Es ist allerdings richtig, dassdie höher entwickelten Formen der semitischen Religion eine andere Richtungeingeschlagen haben: sie haben sich indes nicht aus dem Baalcultus entwickelt.
278) Achilles Tatius, II, 14; Nonnus, 40, 474; vergl. die Abbildung aufeiner Münze Gordians III, bei Pietschmann, Die Phönizier, p. '295.
279) Georgius Syncellus, ed. Bonn. p. 202.
280) R e 1 a n d, Antiq. hebr. p. 712.