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Die Religion der Semiten
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146 Fünftes Kapitel. Natürliche und künstliche Cultusstätten etc.

göttlichen wie menschlichen, nicht so individuell ausgestaltet wie für uns.So nimmt man z. B. an, dass alle Glieder eines Stammes nur ein Lebenhaben, dass in dem gemeinsamen Blute, das durch aller Adern strömt, seinenphysischen Träger hat. In ähnlicher Weise können verschiedene Grössen, wennsie aus einer gemeinsamen Lebensquelle ihre Nahrung erhalten, an demselbengöttlichen Leben Anteil haben; und die Dehnbarkeit dieser Vorstellung machtes sehr leicht, von Natur heilige Dinge der verschiedensten Art in den Cultuseines und desselben Gottes einzuordnen. Elemente des Wasser-, Baum- undTiercultus konnten mit dem Ritual im Cultus einer einzigen anthropomorpkenGottheit in Verbindung gebracht werden vermöge der primitiven Anschauung,dass das Leben des Gottes auch in den heiligen Gewässern ausströmte unddem heiligen Baume seine Nahrung gab.

Bei der Verbindung von heiligen Gewässern und heiligen Bäumen mussman sich daran erinnern, dass in den meisten semitischen Ländern ein wild-gewachsenes Gehölz nur dort gedeihen konnte, wo der Boden wasserhaltig war,wo neben den heiligen Bäumen Quellen oder Brunnen vorhanden waren. Ausdiesen Verhältnissen ergab sich leicht die Vorstellung, dass sich im Wasserund dem Pflanzenwuchs in seiner Umgebung das gleiche Leben offenbare;kurz, unter den Nordsemiten wenigstens erscheinen die Heiligkeit der Quellenund die der Bäume nur als besondere Seiten derselben religiösen Anschauung:nur in Ausnahmefällen findet sich die eine ohne die andere 273 .

Wo ein Baum als Symbol eines anthropomorphen Gottes verehrt wird,finden wir bisweilen Verwandlungssagen, die das Leben des Gottes mit demdes Baumes unmittelbar verknüpfen. Diese Form des Mythus, nach dem einGott in einen Baum verwandelt worden oder ein Baum aus dem Blute des Gotteserwachsen ist, spielt in der heiligen Sage Phrygiens eine grosse Kolle, woder Baumcultus besonders hervortrat, und ist ebenso häufig in Griechenland.Die Beispiele aus dem semitischen Bereich sind nicht sehr zahlreich; auchsind sie weder so alt noch so gut bezeugt, um das Vertrauen zu erwecken,dass sie genuine, altsemitische Sagen sind, die von griechischem Einfluss unbe-rührt wären 274 . Die wichtigste von ihnen ist der zur Zeit des Plutarch inByblus erzählte Mythus von der heiligen Erika, die im Tempel der Isis verehrtwurde, und von der die Sage berichtete, dass sie den Leichnam des Osiris ringsumschlossen habe. Nun sind Isis und Osiris zu Byblus in Wahrheit Astarteund Adonis, und somit kann das eine ursprünglich semitische Sage von einemheiligen Baume sein, der aus dem Grabe eines Gottes hervorwuchs 275 .

273) Ein interessantes Beispiel für die Verbindung von Wasser und Bäumen maghier zu den obigen hinzugefügt werden. In dem syrischen Text des Epiphanius,De ponderibus et mensuris (ed. P. de Lagarde, V. T. Fragm. p. 65, Symmicta, II, 203)wird berichtet, dass der Gen. 50, 10 f. genannte Ort Goren ha-Atad mit der Quelle unddem Dornbusch von Beth-haglä bei Jericho identifiziert wurde. Die für den NamenBeth-haglä gegebene Deutung scheint auf einer localen Tradition von einem rituellenUmlauf um die heiligen Objekte zu beruhen. Vergl. Onomastica, s. v. Area Atath.Auch in Griechenland findet man nur ausnahmsweise einen heiligen Baum ohne eineQuelle, s. Bötticher, p. 47.

274) Baudissin, Studien zur semit. Religionsgesch. II, 214.

275) Plutarch, De Iside et Osir. §§ 15. 16 [vergl. Baudissin, Studien,II, 214. Der Sarg des mit Adonis identifizierten Osiris wurde zu Byblus von dem Stammeiner Erika umschlossen, der noch zu Plutarchs Zeit im Tempel der Isis .= Baaltis zuByblus verehrt wurde. Beachtenswert sind in Plutarchs Darstellung ein oder zwei Züge.]Die heilige Erika war ein toter Stamm, denn er war von der Isis abgehauen und den Be-